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Wie entstand das Papiergeld?
von Matthias Widner

 

Vorgeschichte
Geldscheine sind heute ein fester Bestandteil unseres Alltages, doch in der europäischen Antike beispielsweise waren Geldsummen immer mit Edelmetall enthaltenen Münzen angegeben worden. Papiergeld war bis ins 8. Jahrhundert n. Chr. schon allein aufgrund der aufwendigen Papyrusherstellung undenkbar. Seit der späten römischen Kaiserzeit klagten viele Händler über das Absinken des Gold- und Silberanteils von Geldstücken und dem daraus resultierenden Ungleichgewicht zwischen dem nominellen Wert der Denare und Sesterzen und dem tatsächlichen Tauschwert des kostbaren Metalls in den Münzen. Auf Grund der Fälschungsmöglichkeiten konnten die Nennwerte der Geldstücke nicht unendlich in die Höhe getrieben werden. Die temporale Knappheit an Gold und Silber, die verbesserte Papierherstellung sowie die Unhandlichkeit der Münzen für den immer stärker expandierenden Handel ließen ab dem zweiten Jahrtausend n. Chr. weltweit mehrmals zaghafte Versuche zu, Papiergeld einzuführen.

Im Gegensatz zu Europa war das damalige China deutlich dichter besiedelt und mit Handelsstraßen erschlossen. Städtische Kaufleute begründeten die Schicht des aufstrebenden chinesischen Bürgertums. (105 n. Chr. wurde in China das Papier erfunden.) Im Jahre 1024 folgt aus Geldknappheit im Zusammenhang mit den Kriegen der Song-Dynastie erstmalig die Herausgabe von Notgeld aus Papier. Marco Polo, der 252 Jahre später das Reich der Mitte besucht, berichtete ebenfalls über Geldscheine des Kaisers als reguläres Zahlungsmittel. Schon zur Wende zum 15. Jahrhundert merkten Beamte in China jedoch, dass die Versuchung, leere Staatskassen durch inflationäre Ausgabe neuer Geldmengen zu vertuschen zu groß war. Die Chinesen schafften das gedruckte Geld wieder ab.

In Europa machte jene Idee einen ähnlichen, wenn auch zeitlich verschobenen, Prozess durch. 1483 wurden in Spanien Geldscheine als vorübergehender Ersatz für fehlendes Münzgeld ausgegeben. Die Bank von Amsterdam war 1609 äußerst vorsichtig mit der Ausgabe von Scheinen. Die Deckung durch entsprechende Münzen war den Niederländern äußerst wichtig. Die ersten richtigen Geldscheine mit unterschiedlichen Werten gab die schwedische Reichsbank Riksbank in den 1660er heraus, gleichwohl diese Idee nur wenige Jahre währte und Schweden zehn Jahre später „nur“ noch Münzgeld anerkannte. Erst der Schotte John Law (1671-1729) sah hinter dem Papiergeld einen wirklichen wirtschaftspolitischen Vorteil mit System.

Reichskassenschein 10 Mark - Deutsches Reich - 06.10.1906

Geld mit unterschiedlichen Systemen
Der französische Finanzminister Law aus dem schottischen Highlands glaubte, dass die öffentlich vorhandene Geldmenge die Produktion eines Landes positiv stimulieren könnte, denn viel verfügbares Geld bedeute einen geringeren Kreditzins und dieser führe zu vermehrten Investitionen und somit zu einem Vorsprung gegenüber dem Ausland. Eine gesteuerte Münzverschlechterung wäre für dieses Ziel zu aufwendig und hätte inflationäre Rückwirkungen. Eine Goldwährung wiederum setze voraus, dass die Goldproduktion in den Bergwerken planbar war. So erinnerte sich Law 1718 an die zahlreichen Versuche, Geld in Papierform auszugeben. Die Finanzen des Kriege führenden Frankreichs unter Ludwig XIV., dem Sonnenkönig, waren äußerst zerrüttet. Die Münzen konnten nicht wie gewohnt erneuert werden und mussten in der Übergangszeit von einer Art Quittungen, so genannten Billets de monnaie
ersetzt werden. Da diese aus Mangel an Münzgeld nach einer Weile nicht mehr zurückgetauscht wurden, legten die königlichen Beamten bis zu 8% Zinsen auf diese „Staatspapiere“, doch der Bankrott des Staates war nicht mehr aufzuhalten. Im Jahre 1715, als der Sonnenkönig starb, hatte Frankreich trotz massiver Schuldenannullierung noch 3 Millionen lt. (Livre) abzuzahlen. Der zuständige Minister konnte nicht die Zinszahlung garantieren. Die 1718 aus der privaten Banque Générale, die als Handelskompanie in Louisiana tätig war und Aktien gegen besagte Staatspapiere eintauschte, hervorgehenden Banque Royale versuchte die Währung mit einer staatlich garantierten Banknotenausgabe zu stabilisieren. Damit das Institut genügend Sicherheit hatte, übernahm sie jede französische Überseekompanie und pachtete 1719 sogar die französischen Steuern in den Kolonien. Die Gesellschaft gewährte dem französischen Staat immer neue Kredite und gab dafür massiv Aktien aus, die davon getragen wurden, dass die Kolonien möglichst bald viel Gewinn abwerfen würden. Als der Aktienwert von 500 lt. dank ausländischem Interesse schnell die 10.000 lt. Grenze überschritt, wähnte sich Law schon am Ziel seiner Politik, doch die mäßigen Erfolge in den Überseegebieten und die schlechte Führung der Handelsgesellschaft sorgten bald für eine Kapitalflucht der Anleger in Richtung Amsterdam und London. Als der Kurs unter dem Ausgabenpreis fiel, kaufte Law selber Aktien um den Preis zu stützen, doch die Panik war schon ausgebrochen und das System Law und damit das Papiergeldsystem der Banque Royal fiel wie ein Kartenhaus zusammen. Sein Erfinder folgte dem Kapital und floh ins Ausland. Nach zwei Jahren scheiterte der Versuch des Schotten somit kläglich. Das Papiergeld wurde wieder abgeschafft, 1640 Millionen lt. als Staatsschuld anerkannt und mit 2 – 2,5 % verzinst, doch die ausländischen Banken blieben verhalten, hatte doch die französische Panik zum ersten europäischen Börsenkrach der Geschichte geführt.

 

David Hume (1711 – 1776) war ein starker Gegner der theoretischen Gedanken von Law. Er meinte, dass die Geldmenge keine Auswirkungen auf die Wirtschaft hätte, da jede Geldmenge entsprechend des Warengegenangebots ihren Preis von alleine annähme. Allein die praktischen Vorteile des Papiergeldes sollten eine Bank dazu bringen, es parallel zu den Münzen auszugeben.

Erst Adam Smith (1723 – 1790) beendete den geldtheoretischen Ansatz in seinem Werk Wealth of Nations (1776). Die Geldmenge hätte keinen Einfluss auf die Güterproduktion, könne aber deren „Funktionsfähigkeit“ (Michael North, S.131) erleichtern. Papiergeld sei schon in Form von Kreditpapiere, Wechsel und Anteilsurkunden für den Handel mit Edelmetallen ausgegeben worden. Allein die Druckmenge sollten die Bankiers beachten, denn zu hohe Emissionswerte eines Papiergeldes provozieren die Inflation. Um das Vertrauen der (reichen) Bevölkerung zu gewährleisten, müsse ein Rücktausch in Münzen garantiert werden. Ein – wenn auch in der heutigen Praxis weniger relevanter – Beweis für diese Umtauschgarantie ist auf vielen Banknoten der ausgebenden Staatsbanken zu finden. So ist noch heute auf einem 5-Pfund-Sterling-Schein zu lesen:

I promise to pay the bearer on demand the sum of 5 Pounds

Obwohl England vorsichtiger vorgegangen war und Banknoten in geringerem Maße als in Frankreich ausgab, konnte auch hier Panik entstehen. Als Garantie für die Wechselfähigkeit der Bank of England und ihrer angeschlossenen Country Banks trat keine Handelsgesellschaft auf, sondern die Krone. Obgleich die Struktur durchaus innovativ war: Die Country Banks übernahmen per Notenausgabe die Ersparnisse der Landbevölkerung und gaben den Industriellen Londons über die Bank of England so die notwendigen Kredite, erodierte das System zur nächsten Jahrhundertwende als Napoleon England den Krieg erklärte und die Bevölkerung eilig ihr Münzgeld zurückverlangte. Der wirtschaftliche Zusammenbruch wie in Frankreich trat nicht ein, denn das Parlament bürgte bis zum Schluss für die Zahlungsfähigkeit des Staates und konnte so zusammen mit der Bank of England das System retten.

 Im revolutionären Paris wollten die neuen Machthaber aus dem englischen System lernen und gaben verzinste Staatsanleihen, so genannte Assignaten heraus. Sie sollten die Liquidität des Staates gewährleisten und in den ersten Jahren der Revolution durch den Verkauf von konfiszierten Kirchengütern refinanziert werden. Da die Verzinsung nach einer Weile gestrichen wurde und der Staat einen Zwangskurs festlegte, waren diese Scheine eine Art Papiergeld, doch auch dieses Mal wurden immer mehr Scheine gedruckt, so dass sie 1792 nur noch knapp die Hälfte des Nennwertes hatten und im Volksmund „Affengeld“ genannt wurden. Die extreme Inflation von 1795/96 schlug im Jahre 1797 in die erste massive Deflation der Neuzeit um. Die Menschen hielten ihr Geld zusammen, investierten nur noch in Immobilien und stürzten so das Preislevel ins Bodenlose. Der neue Mann, Napoleon, verdankt seiner Machtergreifung 1799 vor allem dieser wirtschaftlichen Misere. Seine erste finanzpolitische Maßnahme war die Gründung der an das englische System angelehnten Banque de France, einer Notenbank auf Aktienbasis, die das erste Dezimalwährungssystem Franc herausgab.

In den anderen europäischen Ländern nutzten Finanzbeamte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Scheine jedoch weiterhin nur als Staatspapiergeld, um die kriegsbedingte Abwertung der Münzen zu verhindern. Während dieser Plan oft wie in Frankreich aus dem Ruder geriet und eine starke Abwertung mit sich brachte, war die Arbeit der spanischen Banco de San Carlos, die zur Einlösung der sogenannten Vales Reales gegründet wurde, vorerst eine Ausnahme. Als auch ihre Edelmetallreserven für den Krieg gegen das revolutionäre Frankreich verwendet wurden, erreichten die Scheine nur noch sechs Prozent ihres Nennwertes. Die beiden deutschsprachigen Großmächte des 19. Jahrhunderts, die Doppelmonarchie an der Donau und Preußen, reihten sich ebenfalls an unterschiedlichen Stellen in diese Liste ein. Österreich-Ungarn verhielt sich in der Mitte des Jahrhunderts sehr vorsichtig und druckte nur wenige Scheine, die zudem nicht für den privaten Geldverkehr sondern nur als Tauschmittel für Staatsobligationen zu nutzen waren. Erst mit dem Krieg gegen Frankreich und der damit verbundenen Edelmetallknappheit konnte der Umtausch in Münzen nicht mehr gewährleistet werden. Das Resultat war der Staatsbankrott im Jahre 1811. Die nördlichen Nachbarn waren die vorsichtigsten in Europa. Die Emissionsmenge war bis ins 18. Jahrhundert hinein äußerst gering und stand einem reichhaltigen Vorrat von Münzgeld gegenüber. So blieb auch die Akzeptanz des neuen Geldmittels gering und die Königliche Giro- und Lehnbanco spezialisierte sich zum Jahrhundertwechsel auf die Vergabe von Hypothekenkrediten zum Grunderwerb.

Abschließend lässt sich konstatieren, dass es erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – meist nach dem Wiener Kongress 1815 – den europäischen Staaten gelang der Papierflut regulieren zu können und ein stabiles System von Dauer zu kreieren.

Erkenntnisse aus der Geschichte – Zusammenfassung und Aussicht
Die Einführung des Papiergeldes war bis auf wenige frühzeitige Versuche in ganz Europa mit zwei Entwicklungen verbunden: Die Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft, frühzeitig in Großbritannien, und der französischen Revolution. Erst diese enorme Kriegsanstrengungen der verschiedenen Königshäuser am Ende des 18. Jahrhunderts sowie die damit verbundene Leere in den Staatskassen verwandelten die Schuldscheine von Staatsanleihen in öffentliche Tauschelemente. Doch die Herrscher machten es sich teilweise zu einfach: Was Frankreich schon 75 Jahre zuvor schmerzhaft erfuhr, brachte den Wiener Monarchen den Staatsbankrott und diskreditierte die Idee des Papiergeldes lange Zeit: Wenn die ausgegebene Geldmenge die vorhandenen Waren und Edelmetallreserven deutlich überstieg, wenn es unmöglich ist, alle Papierscheine in adäquate Werte wieder zurückzutauschen, kann die Staatswirtschaft schnell zusammenbrechen. Hinzu kam, dass die Sicherheit der Wertstabilität am ehesten in einer Mischung aus einer nationalen Staatsbürgschaft sowie dem Bürgertum, ähnlich wie in Großbritannien, zu finden sei.

Die Gefahr einer Inflation oder Deflation, begleitete und begleitet noch heute die gesamte Geldwirtschaft mehr denn je, denn mit der Weiterentwicklung hin zum digitalen Geld, welches noch einfacher „auszugeben“ ist, ist die Kontrolle noch schwerer geworden.

Literatur (Auswahl)

North, Michael, Kleine Geschichte des Geldes. Vom Mittelalter bis heute, München 2009.

Born, K.E., Geld und Banken im 19. und 0. Jahrhundert, Stuttgart 1976.

Born, K.E., Die Entwicklung der Banknote vom „Zettel“ zum gesetzlichen Zahlungsmittel, in: Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz: Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse (1972), I, S.3 – 21.

 

 

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