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4.4.   Pyritz und Zarben unter Moritz Görke      
Bereits zehn Jahre vor dem ersten erweckenden Pastor, wurde die Ortschaft Pyritz durch ein Ereignis nationaler Tragweite bekannt. Als König Friedrich Wilhelm III. am Gedenktag der Reformation, am 1. November 1817 die Union von Lutheranern und Reformierten bekannt gab, wurde diese Feier einhergehend mit dem Fest zur 700jĂ€hrigen Erinnerungsfeier der Christianisierung in Pommern außerordentlich in Pyritz gefeiert. Die Grundlage fĂŒr den Bau des Ottobrunnens wurde in der kleinen Ortschaft durch König und Kronprinzen geschaffen. Der Bau wurde von der GrĂŒndung eines evangelischen Lehrseminars begleitet. Unklar ist, ob von dieser Institution die ersten erweckenden Impulse ausgingen.[1] Pastor Moritz Görke gelang es die pietistischen Schwingungen seiner Lehre in landeskirchliche Bahnen zu leiten. Er kam ursprĂŒnglich als Hilfsprediger nach Pyritz und hatte durch seine durchdachten und scharfen Reden viele AnhĂ€nger gewonnen. Görke wirkte nachfolgend mit Ă€hnlichen Erfolgen in Zarben. KonsistorialprĂ€sident MittelstĂ€st hatte von den Praktiken des Pastors erfahren und ihn daraufhin gewarnt, seine AktivitĂ€ten in extreme Bereiche geraten zu lassen.[2] Im Vergleich zu den Bewegungen in Triglaff und Stolp scheint sich dieser Kreis im Rahmen der Amtskirche befunden zu haben, weshalb auch nur geringe Gegenwehr vom Staat zu vernehmen war.       

4.5.   Wusterwitz unter Gustav Knak       
Die Erweckungsbewegung im in der NĂ€he vonDramburg liegendenKönigswusterhausen hatte vor allem starke Wirkung auf umliegende Gemeinden. Die Pietisten wurden vom Pastor und Dichter Gustav Knak angefĂŒhrt, der durch seine erstmals 1829 gedruckten Werke ĂŒberregional wahrgenommen wurde. Die in der Anfangszeit von ihm begeisterten Kinder der Gemeinde wandten sich nach 1830 - wahrscheinlich durch die Anweisung des stark rationalistisch geprĂ€gten Superintendenten aus Königswusterhausen - immer stĂ€rker von ihm ab. Nachdem auch große Teile der Gemeinde auf die Seiten seines Vorgesetzten ĂŒberliefen, reiste Knak nach Berlin, ohne jedoch dort wieder Pastor zu werden. Der oben erwĂ€hnte Görke, lud den in seiner Überzeugung geschwĂ€chten Pastor zu sich nach Pyritz. Knak erlangt seine Kraft wieder und bekam nur kurze Zeit spĂ€ter die Pfarrstelle in Wusterwitz.[3] Mit einer hohen Anzahl an Hausbesuchen, Erbauungsstunden und Predigten reanimierte er die fromme GlĂ€ubigkeit. Wegen der Erbauungsstunden wandte sich die kirchliche Behörde immer wieder an ihn. Das Konsistorium jedoch verteidigte Knak so sehr, dass seine erweckenden Arbeiten nur von geringem Ausmaß behindert wurden. Die Bewegung hielt in Wusterwitz noch ĂŒber 40 Jahre an. Wegen der regelmĂ€ĂŸig stattfindenden Missionsfeste, kamen Menschen aus Orten weiter Entfernung nach Wusterwitz. Nachdem Knak 1838 an Nervenfieber leidete, suchte er den Kontakt zu seinem Freund Görke, der sich zu dieser Zeit im Fischerdorf Seebad Solberger Deep befand. Die Kraft die mehrere Jahre von ihm ausging, schien allerdings von diesem Zeitpunkt an verschwunden zu sein. In den 40iger Jahren wechselte er hĂ€ufig seinen Lebensraum. Anscheinend wollte der Pfarrer eine neue Amtsstelle besetzen. [4]          
           
Die Erscheinung erweckender Prediger fiel in Hinterpommern ebenfalls in GĂŒĂŸlaffshagen, ausgefĂŒhrt durch Pfarrer Lenz und in Drosedow geprĂ€gt durch Pastor Friedrich Meinhof, auf. Beide Bewegungen wurden letztlich durch die Spaltung separatistischer Lutheraner beendet. Erstaunlich ist, dass die Behörden gegen Meinhof relativ wenig Beachtung aufbrachten, obwohl er behauptete, Kontakt mit Jesus zu haben. Andere FĂ€lle dieser Art wurden durchaus hĂ€rter angegangen. Bis auf ein Schreiben der Regierung aus Köslin an Meinhof – in der lediglich festgehalten wird, dass das Halten von Konventikeln wĂ€hrend der amtskirchlichen Versammlungszeiten unstatthaft sei[5] - ist in Bezug zur Reaktion des Staates auf die Erweckungsbewegung nichts bekannt.[6]

5.  Erweckende Kreise in Vorpommern  
Im erst ab 1815 zu Preußen gehörenden Vorpommern, fanden freiheitliche Strömungen innerhalb der Kirche sehr viel spĂ€ter statt, als in Hinterpommern. Die Unsicherheit der Bevölkerung gegenĂŒber ihrer neuen Zugehörigkeit und eine grundverschiedene Entwicklung persönlicher Charaktere, können als GrĂŒnde fĂŒr die ruhige und spĂ€te Entwicklung der Erweckungsbewegung in Vorpommern herangezogen werden. Wie die Lage in Hinterpommern zur Mitte des 19. Jahrhunderts bestand, so befand sich die Strömung der Erweckung im östlichen Gebiet Pommerns von Anfang an in staatlichen Bahnen. In Vorpommern entstanden keine lang ĂŒberlebenden grĂ¶ĂŸeren Kreise. Einer der ersten freiheitlichen Prediger war der Lassaner Pastor Georgi, von dem trotz seines frĂŒhen Todes im Jahr 1844, mehrere Jahre erweckende Impulse ausgingen. Besonders Pastor Frank trug die Lehre Georgis in die vorpommerschen Gemeinden von Schwantow, Wieck (RĂŒgen) und Drechow.[7]

5.1.   Zudar und Garz unter Magnus Böttger      
Durch Predigten von Franck und Pastor Mila aus Kammin beeindruckt,hatte sich Magnus Böttger, geboren in Stralsund, der pietistischen Lehre verschrieben. Die StĂ€dte Vorpommerns waren, wie auch in vielen anderen Regionen Preußens, stark von rationalistischem Gedankengut geprĂ€gt. WĂ€hrend Böttger in Greifswald studierte, hatte er demensprechend Schwierigkeiten seine Ansichten verwirklichen zu können. Wegen eines erkrankten Pastors, wurde er 1839 als Aushilfskraft nach Zudar berufen. Die Erbauungsstunden waren eher still angelegt, sodass Exzesse, wie sie in Stolp zu vernehmen waren, ausblieben. Als Böttger eine Diakonstelle in Garz erhielt, wuchs seine Mitgliederzahl so schnell an, dass die RĂ€ume fĂŒr die Erbauungsstunden nicht groß genug waren. Er organisierte grĂ¶ĂŸere RĂ€ume und hielt tĂ€glich fĂŒnf Lehrstunden. Als einzige Widerwehr in Bezug auf Böttgers Erweckungsbestrebungen ist eine Klage des BĂŒrgermeisters von Garz zu benennen. Die Klage an das Konsistorium gerichtet, blieb jedoch vollkommen ergebnislos und versicherte dem Pastor enormen RĂŒckhalt. Bis zu seinem Tod 1881, war Böttger in Middelhagen auf Mönchgut, Horst bei Grimmen und Wolkwitz bei Demmin tĂ€tig.[8]

5.2.   RĂŒgen und Stralsund unter Krassow und Kleist   
Die enge Verbindung der Erweckungsbewegung zum Staat wird im Fall von Graf Reinhold von Krassow unĂŒbersehbar. Nachdem Krassow von König Friedrich Wilhelm IV. zum PrĂ€sidenten der Regierung von Stralsund berufen wurde, entstand aus der Stadt an der Ostsee ein neuer Herd der Erweckungsbewegung. Böttger wurde darauffolgend Redakteur des „Christlichen Volksblatt“ und hatte hiermit erheblichen Einfluss auch auf ferner abliegende Orte.        
           
Obwohl die eigentliche Erweckungsbewegung um 1860 zum Abschluss gekommen war, hatte es der Rechtswissenschaftler Hans Hugo von Kleist Retzow anscheinend nicht schwer, seine pietistischen Interessen zu verwirklichen. Er engagierte sich mit einem Krankenhausbau in Polzin und der GrĂŒndung Diakonischer Vereine. Viele JĂŒnglings und Jungfrauenvereine, eine Blindenanstalt in Stettin, das Bugenhagenstift in Ducherow und DiakonissenhĂ€user bei Neu Lorney und Salem sind aufgrund seiner Initiative entstanden. Gegenwehr von der Bevölkerung war wegen dieser sozialen Maßnahmen nicht zu erwarten. Und trotz dessen haben die Konventikel Retzows keine andauernde Wirkung entfaltet, weil ihm die konfessionell ausgerichteten Pastoren der Gemeinden entgegenwirkten.[9]

5.  Deutung der preußischen Reaktion    
Die PrioritĂ€t der freigeistlichen Ziele verschob sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts von karitativen Engagement hin zu Missionierungsbestrebungen. Diese Entwicklung ĂŒbersah die große Möglichkeit der Mitgliedergewinnung im sozialen Bereich, den stattdessen die Sozialistische Bewegung vereinnahmte. Die Erweckungsbewegung differiert in Pommern besonders zwischen Vorpommern und Hinterpommern, sowie auch die Reaktionen der Kirche, der Behörden und des Staates Preußen unterschiedlich ausfielen. Der Norddeutsche Staat hatte auf extreme EinzelfĂ€lle zĂŒgig und energisch eingegriffen, wie die Beispiele von Groß Benz, Bublitz und Stettin verdeutlichen. Große Bewegungen hingegen, wurden mit vorhergehender Informationsbeschaffung, sehr viel differenzempfindlicher behandelt. In diesen Situationen gewĂ€hrte der Staat den Erweckern trotz Androhung von Strafen erstaunlich viele Freiheiten. Die sparsame HĂ€rte Preußens resultierte auch aus der nicht zu unterschĂ€tzenden gesellschaftlichen Stellung, der oft adligen AnfĂŒhrer. GegenĂŒber der Preußischen Hoheit wurden sie ihren regionalen ĂŒbergeordneten MĂ€chten zum Teil schĂŒtzend dargestellt oder mindestens fair in ihrem Handeln beschrieben. Polizeiliche Maßnahmen wurden ohne große öffentliche Aufmerksamkeit eher dezent durchgesetzt. Bei Pfarrversetzungen konnten die Betroffenen sehr oft eine neue Stelle an einem anderen Ort erhalten. Der ersten Abwehrhaltung Preußens folgte im Verlauf von mehreren Jahrzehnten eine immer StĂ€rkere Duldung, bis hin zur BefĂŒrwortung neuer geistlicher Kreise. Um die Kirchenabweichler kontrollierbar positionieren zu können, ohne grĂ¶ĂŸere Gegenwehr zu erhalten, hatte Preußen immer dann erfolgreich reagiert, wenn die Prediger der Erweckungsbewegung in amtliche Kirchenstrukturen geleitet wurden. Die Erweckungsbewegung hat ihre Wirkung demnach nicht mit dem Ende der „SchwĂ€rmerkreise“ verloren, sondern Teile ihrer Kraft im Wandel des gesamten reformierten Christentums erzwungen und in dieser Form konserviert.

7.  AbkĂŒrzungsverzeichnis

ADB - Allgemeine Deutsche Biografie
LDM - Lexikon des Mittelalters
TRE - Theologisches RealenzyklopÀdie

8.  Literaturverzeichnis und Quellen

Allgemeine Deutsche Biografie, Leipzig, 1889.

Clark, Christopher: The Politics of Revival, Pietists, Aristocrats and the State Church in Early Nineteenth-Century Prussia. Oxford, 1963.

Habermas, JĂŒrgen:  Politische Theorie. In: Philosophische Texte Band 4. Frankfurt am Main, 2009.

Heyden, Hellmuth: Die evangelische Kirche Pommerns. Von der Annahme der Reformation bis zur Gegenwart, Stettin, 1957.

Heyden, Hellmuth: SchwĂ€rmer in Pommern, 1838. In: Kirchenblatt Grimmen, 1838.

Lexikon des Mittelalters, MĂŒnchen, 1991.

Nietzsche, Friedrich: Die Fröhliche Wissenschaft. 1882 In: Kritische Studienausgabe - Morgenröte. Idyllen aus Messina. Die Fröhliche Wissenschaft. MĂŒnchen, 1999.

Theologisches RealenzyklopÀdie Bd. 3, Berlin, 1978.

Tiesemeyer L.: Die Erweckungsbewegung in Deutschland wÀhrend des 19. Jahrhunderts. Die Provinz Pommern und Schleswig Holstein, Kassel, 1909.

Ungern - Sternberg, Antje von: Religionsfreiheit in Europa, TĂŒbingen, 2008.

Wangemann, Hermann Theodor: Geistliches Regen und Ringen am Ostseestrande : ein kirchengeschichtliches Lebensbild aus der ersten HĂ€lfte des XIX. Jahrhunderts, Berlin, 1861.

Diese Schrift wurde im Rahmen einer Hausarbeit der Ernst Moritz Arndt UniversitÀt Greifswald im Seminar der Neuesten Geschichte: Pietismus und Sektenwesen im 19. Jahrhundert im Wintersemester 2009/2010 bei Prof. Dr. Thomas Stamm-Kuhlmann erstellt.

28. Februar 2010 

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[1] Heyden 1957:  S. 178.
[2] Tiesemeyer 1909: S. 226.
[3] Tiesemeyer 1909: S. 230.
[4] ADB 16: S. 262.
[5] Tiesemeyer 1909: S. 232.
[6] ADB 16: S. 262f.
[7] Tiesemeyer 1909: S. 237.
[8] Tiesemeyer 1909: S. 239 ff.
[9] Tiesemeyer 1909: S. 245 ff.

 

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