STARTSEITE

KONTAKT

IMPRESSUM

 

Schnelleinstieg

Mythen und Gewissheit ├╝ber die Wikinger

Die Entdeckung Amerikas durch die Wikinger

Drei, zwei, eins, reingefallen - Das Widerrufsrecht im Internethandel

Deutsches Recht: Das Mehrwegpfand

 

 

geschichte des westens

kommunismus

 

 

 

 

 

 

preu├čen

68iger

 


Seite:
1 2 3

4.  Erweckende Kreise in Hinterpommern    

 

4.1.   Der Trieglaffer Kreis unter Thadden         

Die Pommersche Erweckungsbewegung wurde zum gro├čen Teil durch Adolf von Thadden-Triglaff organisiert, der auch auf Otto von Bismarck Einfluss aus├╝bte, sich aber von diesem nach einigen Jahren ├Âffentlich distanzierte. Thadden vermied im Gegensatz zu anderen Pietisten, den offenen Konflikt zur Amtskirche, indem er eine grundlegende lutherische Haltung einnahm. Von den Predigten Schleiermachers begeistert, reiste er nach Bayern, um sich von Martin Boos in seiner neuen Religionsansicht st├Ąrken zu lassen. Als Thadden 1820 ins wenige Meilen von Kammin entfernte Triglaff zur├╝ck kam, entschied er sich, dem aufgekl├Ąrten Christentum entgegenzuwirken. Familie Thadden besa├č einen Hof, von dem aus Hausandachten auf eine gro├če Anzahl von Menschen trafen, wobei Standesunterschiede keine Rolle zu spielen schienen. Sein Freund Ernst von Senft bezog das benachbarte Rottenow und wirkte dort auf ├Ąhnliche Weise. Bald hielt er zu seinem offiziellen Priesteramt t├Ąglich Andachten, fernab der staatlichen Kirche. Den ortsans├Ąssigen Pastor Winkelsesser flohen immer mehr Mitglieder durch Thaddens Bewegung. Als der Triglaffer 1825 den wegen Separatismus suspendierten Pastor Dummert in seinen Kreis berief, wurde die Erweckungsbewegung offiziell gest├Ąrkt, auch wenn Dummert erst drei Jahre sp├Ąter akzeptiert wurde. Die Triglaffer gerieten dabei das erste Mal unter die Aufsicht des Staates. Ab 1929 sammelte Thadden jedes Jahr oft ├╝ber 100 Gleichgesinnte bei sich, um grundlegende Fragen zu kl├Ąren und Vortr├Ąge zu halten. Diese Zusammenkunft kam dem Wesen einer Konferenz sehr nahe und galt als Gegensatz zur hierarchisch aufgebauten Amtskirche. Nachdem Dummert 1939 abgel├Âst wurde und an seine Stelle der konfessionell gepr├Ągte Nagel aus Stargard trat, verlor die Runde ihren Zusammenhalt. Von diesem Zeitpunkt an wurde sehr viel mehr ├╝ber konfessionelle Fragen, anstatt, wie zu Dummerts Zeiten, ├╝ber erweckende Fragen diskutiert. Die Konferenzen wurden 1845 aufgel├Âst und Thadden schloss sich der Breslauer Bewegung an. Trotzdem ist aus dieser ÔÇ×Zelle“ der Erweckung eine enorme Wirkungskraft ausgegangen. Viele Nachbarorte und von weit her kommende Prediger wurden von ihr inspiriert und angesteckt.[1]   
           
Die Kirche reagierte sehr gelassen auf Thaddens Bem├╝hungen. Ritschl trat ihm mit der Bitte, die Konferenzen aufzugeben, die Konventikel aber bestehen lassen zu d├╝rfen, au├čerordentlich kulant gegen├╝ber. Thadden schickte Ritschl daraufhin einen Bericht ├╝ber die Lage seiner Bewegung, in der er klar machte, dass sich diese nicht vom evangelischen Glauben entfernen w├╝rde. Noch einmal merkte Ritschl an, wie ernst es ihm um die Unterlassung der Konferenzen ist. F├╝r Ritschl ├╝berschritten sie eindeutig die Grenzen einer privaten Angelegenheit, wie sie in Form einer Hausandacht rechtlich unbedenklich ver├╝bt werden k├Ânnte. Doch lie├č Thadden sich davon nicht abhalten, in Triglaff Konferenzen zu organisieren.[2] In Briefen an Gerlach, verwies Thadden auf kleinere Schwierigkeiten, die ihm die Beh├Ârden machten. F├╝nf Taler wegen einer nicht erlaubten Betstunde sollte er zahlen, gab allerdings stattdessen einige Hammeln als ├äquivalent. In dem Brief wird au├čerdem klar, dass er um die Existenz seiner Konventikel f├╝rchtete.

4.2   Stolper Kreis unter Familie von Below         
Eine regional sehr viel intensivere Erscheinung der Erweckung ging von den G├╝tern Reddentin, Ga├č, Symbow, Seehoff und Pennekow (Umgebung Stolp) aus, die drei Br├╝der von ihrem Vater erbten. Bei dem Streit zweier der Br├╝der, ├╝ber die gerechte Verteilung des Erbes, versuchte der dritte, Gustav von Below, diesen Streit mit intensiven Gebeten zu schlichten. Gustav von Below sollte darauffolgend die initiierende Rolle der Erweckung ├╝bernehmen und gewann zuerst seine beiden Br├╝der f├╝r die Mission. Inspiriert durch die Literatur von Arndt und Teerstegen, verst├Ąrkten alle drei ihr freiheitliches Glaubensgebilde und brachen nur kurze Zeit sp├Ąter mit der Amtskirche. Der offiziell ans├Ąssige Prediger Tichelmeyer hatte keine Scheu davor, die Erweckungsbewegung generell und lautstart abzulehnen. Nach einer kurzen Auseinandersetzung zwischen ihm und Heinrich von Below, dem J├╝ngsten der drei Br├╝der, entfernten sich von Belows von ihrem Superintendanten und beschimpften ihn als falschen Propheten. Von diesem Zeitpunkt ├╝berschritten die Br├╝der ihr Einflussgebiet der G├╝ter, indem sie erfolgreich f├╝r ihre Mission warben. Verbreitung von Schriften der pietistischen Schule, das regelm├Ą├čige Abhalten von Predigten und die Verabreichung des Abendmahls, verstie├čen zwar radikal gegen die religi├Âsen Gesetze Preu├čens, brachten den von Belows hingegen eine Anh├Ąngerschaft von etwa 1000 Personen. Die Aus├╝bung religi├Âser Rituale wurde in diesem Fall sehr viel st├Ąrker praktiziert als in Triglaff, gleichwohl Thaddens Bewegung ihre St├Ąrke in der Organisation der ├╝berregional relevanten Konferenzen hatte.[3]                       
           
Auch auf die Br├╝der Gerlach, die sp├Ąter bedeutenden Einfluss auf die Medienlandschaft und Preu├čens Politik aus├╝bten, hatte diese Glaubensbewegung weitreichenden Einfluss. Nachdem die Gerlachs eine R├╝ge erhielten und deren Vorbild De Balenti des Landes verwiesen wurde, reisten sie nach Pommern, um sich den Kreisen Belows und Thaddens anzuschlie├čen. Erst hier wurde ihr Glaube immer leidenschaftlicher, der sie in der darauffolgenden Zeit zu Verfechtern des Konservativismus machte.        
           
Von Belows freiheitliche Methoden des Glaubensbekenntnisses, hatten schnell auch ├╝berregionale Gremien des Staates aufmerksam gemacht. Um dem aufgekl├Ąrten Christentum entgegen zu wirken, versuchten die Akteure immer wieder die Physik zu ├╝berwinden, indem sie Geschichten von schwebenden Menschen und radikalen F├Ąhigkeits├Ąnderungen in der Rhetorik in Umlauf brachten.[4] Die Quellen sind hierbei jedoch immer nur indirekt, in Form eines m├╝ndlichen Berichts von Dritten ├╝berliefert. Jeder Teilnehmer einer Weissagung durfte Reden und Vortr├Ąge halten und den Prozess des religi├Âsen Handels mitbestimmen. Die Freiheit nahm extreme Ausma├če an, sodass von einem Erweckten berichtet wurde, der er allen Teilnehmern seiner Gemeinde in den Nacken trat und schrie, Below m├╝sse mehr Demut zeigen.[5] Die Rituale wandelten sich zu einem theatralischen Spektakel,[6] bei dem ├ťberraschungen nicht ausgeschlossen waren. So kam es nicht selten vor, dass sich die Erweckten in ihrem Glauben, in f├╝r au├čen stehende unverst├Ąndliche H├Âhen trieben, oder sich sogar f├╝r Christus hielten.[7]  In diesen F├Ąllen hat die Glaubensgemeinschaft selbst gehandelt, indem sie versuchte, den Teufel aus diesen Personen zu vertreiben. Halfen Aderlass und Wacholderr├Ąuchern nicht, den Abtr├╝nnigen zum gew├╝nschten Glauben zu reanimieren, blieb oft nur die M├Âglichkeit sie f├╝r krank zu erkl├Ąren.[8]   
           
Der Staat ging gegen die Teilnehmer der Below┬┤schen Bewegung sehr viel h├Ąrter vor, als gegen die Erweckung in Triglaff. Sie wurden bei Bonit├Ąt mit Geldstrafen und Pf├Ąndung, ohne Bonit├Ąt mit Gef├Ąngnis bestraft. Die K├Âsliner Regierung erw├Ągte zudem einen milit├Ąrischen Einsatz, entschied sich letztlich, vielleicht auch wegen des adeligen Geschlechts der Wortf├╝hrer, gegen diese Variante der Reaktion. Stattdessen wurden die Kreise polizeilich ├╝berwacht. Als sich K├Ânig Friedrich Wilhelm III. vom Rationalismus abgewandt hatte, lie├č er die ├ťberwachung einstellen und beauftragte eine Kommission, die untersuchen sollte, ob Gefahr von den Kreisen in Hinterpommern ausgehe. Die Kommission hatte ihren Sitz in Stolp und besuchte die Belows mehrmals. Das Ergebnis fiel, in Betracht der oben ausgef├╝hrten Rituale, sehr g├╝nstig f├╝r die Erweckungsbewegung aus. Separationsbem├╝hungen, Verachtung Luthers oder unsittliches Handeln wurden nicht attestiert. Die Erweckten mussten lediglich versprechen das Wort nicht mehr in ├Âffentlichen gottesdienstlichen Versammlungen der Staatskirche zu ergreifen. Der Pfarrer von Wittenberg, Dr. Heubner wies den K├Ânig in einen ausgesonderten Bericht darauf hin, dass die Wirkungen der Kreise durchaus l├Âblich seien, einige Prediger jedoch versetzt werden m├╝ssten. Er machte die Verstummung und Verflachung des kirchlichen Glaubens f├╝r das Entstehen dieser Bewegung verantwortlich und appellierte an einen gegenseitigen Angleich.[9] Der preu├čische K├Ânig lie├č daraufhin die polizeilichen Ma├čnahmen vollst├Ąndig einstellen, gleichwohl die Verfolgung der Erweckten nach einiger Zeit wieder zunahm. Als der Tischler D├╝nnow in einem Ort bei Stolp das Abendmahl gab, wurde er wegen unbefugter Durchf├╝hrung einer Amtshandlung vom Schulz verhaftet und ins Gef├Ąngnis gebracht. Gr├Â├čeren Schaden nahm die Erweckungsbewegung dadurch nicht. Die vorbestraften neuen Pastoren Lasius und Wolf verst├Ąrkten Belows Bem├╝hungen in der folgenden Zeit. Below wurde jedoch 1936 das Predigen verboten. Nach einigen Neugr├╝ndungen der Glaubensgemeinschaft, verloren die Akteure die Kraft um die kleinen, aber best├Ąndigen Hindernisse der Beh├Ârde zu ├╝berwinden. Die Bewegung endete, jedoch hielten die Pastoren dieser Gegend nachfolgend, um sich ihrem Publikum anzupassen, oft sehr frei denkende Predigten.

4.3.   Kammin unter Dummert und Bagans         
Sp├Ąter von der Erweckung betroffen aber ├Ąhnlich intensiv, verlief die Bewegung in den Gemeinden Kammin und Wollin. Pastor Beyer brachte die ersten Schriften des freiheitlichen Glaubens aus dem Stolper Kreis von den Br├╝dern Below. Hier fand die Erweckung f├╝r diese Region ihren Anfangspunkt, besonders hervorzuheben sind Pastor Maresch  aus Jassow und Pastor Dummert aus Kammin. Letzterer wurde bereits in Verbindung zum Triglaffer Kreis erw├Ąhnt. Bevor Dummert nach Triglaff berufen wurde, war er bis 1825 Kamminer Pastor und wurde wegen Unstimmigkeiten mit seinem Superintendanten suspendiert. Seinem Nachfolger, Pastor Mila, gelang es Dummerts Anh├Ąnger zur├╝ck an die Rituale der Amtskirche zu binden. Einige Mitglieder der Erweckung lie├čen sich allerdings nicht vom Glauben Dummerts abbringen. Durch einen privaten Unfall entschied Bagans, ein ehemaliger Anh├Ąnger Dummerts, energische Erbauungsstunden und Predigten zu halten, woraufhin Mila ihn hinweisen musste ruhiger zu handeln. Bagans hielt sich nicht an den Hinweis seines Vorgesetzten, weshalb die Erweckungsbewegung einen neuen Aufschwung erfuhr. Die Bewegung in Kammin endete mit der Entlassung Bagans von seinem Schulamt, dass er wegen seiner neuen T├Ątigkeiten vernachl├Ąssigte. Die Glaubensgemeinde teilte sich in separatistische Gruppen auf oder wanderte, wie auch Bagans, nach Amerika aus. Bis 1847 verlie├čen etwa 2000 Menschen die Gemeinde Kammin, von denen sicher eine hohe Zahl der Erweckungsbewegung angeh├Ârte. Fraglich bleibt, ob die Gr├╝nde der Auswanderung mit dem Reagieren der Politik auf die Erweckten, in Zusammenhang gebracht werden kann, oder ob es sich hierbei vielmehr um wirtschaftliche Gr├╝nde handelte.[10]

Seite: 1 2 3


[1] Tiesemeyer: Die Erweckungsbewegung in Deutschland w├Ąhrend des 19. Jahrhunderts. Die Provinz Pommern und Schleswig Holstein, Kassel, 1909: S. 224.
[2] Heyden 1957: S. 183f.
[3] Tiesemeyer 1909: S. 211-237.
[4]Wangemann 1861: S. 165.
[5]Clark, Christopher: The Politics of Revival, Pietists, Aristocrats and the State Church in Early Nineteenth-Century Prussia. Oxford, 1963: S.48.
[6] Wangemann: 1861: S. 161.
[7] Dass es diese Menschen auch heute noch gibt zeigt der k├╝rzlich freigelassen Attent├Ąter des Papstes, der das Ende der Welt verk├╝ndete.
[8] Wangemann 1861: S. 162-163.
[9] Tiesemeyer 1909: S. 215.
[10] Tiesemeyer 1909: S. 220-222.

 

Weitere Artikel
L├╝beck-Talliner Totentanz
Buchrezension: Preu├čen - eine humane Bilanz
Deutsche Banken: staatlich oder privat?
Krieg im Gazastreifen wird weitergef├╝hrt