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Die Hanse
Von Greifswald nach Köln
von Matthias Widner

 

Gleichwohl die Strecke von Greifswald nach Köln zur Zeit der Hanse, im 14. Jahrhundert, eine enorme Reisedistanz bedeutete, haben Entscheidungen innerhalb des zu untersuchenden Zeitraumes getroffen wurden, die Struktur und das Wesen der Hanse gut wiedergespiegelt. Die Greifswalder und Kölner Konföderation verdeutlichten, wie die Hanse sich selbst organisierte und wann bzw. warum sie daraus folgend politisch tätig wurde.

Die Kaufmanns- und die Städtehanse 
Bis ins 13. Jahrhundert wurde der Handel auf der Ostsee maßgeblich von den Skandinaviern und Slawen beeinflusst, doch mit der Neugründung vieler deutscher Seestädte an der Südküste der Ostsee gewannen immer mehr Kaufleute aus diesen Städten an Bedeutung. Neben den politischen Veränderungen im Zuge der Bevölkerungswanderung war es vor allem die Lage dieser Städte zwischen dem städtisch-vorindustriellen Westen und dem an Rohstoffen reichen Osten, die sie schnell wirtschaftlichen Erfolg haben ließ. Die Handelsverbindung Brügge – Nowgorod ist ein passendes Beispiel für den ausgedehnten Warenverkehr im spätmittelalterlichen Europa. Die noch relativ junge Stadt Lübeck hatte diesbezüglich eine herausragende Position. Zum einen war sie als westlicher Ostseehafen der Ausgangspunkt der neuen Siedlungsströme aus dem überbevölkerten Westfalen in die neuen Hafenstädte des Ostens. Zum anderen sicherte sie sich recht früh das so genannte Stapelrecht für unterschiedlichste Güter. Mit diesem zwang die Stadt die Händler, die Waren vor Ort zu „stapeln“, d.h. zu verkaufen. Allein das Stapelgeld, eine Art Steuer, befreite sie von dieser Pflicht. Dieses Zwischenhandelspotential wurde durch zwei politische Voraussetzungen nochHanse Köln Greifswald3 mehr gefördert. Erstmalig haben die Neusiedler in vielen Städten, wie beispielsweise Rostock, das ihnen bekannte lübische Stadtrecht eingeführt und zum anderen war die Stadt an der Trave als Reichsstadt relativ unabhängig und von keinem nah residierenden Territorialherren abhängig. Gemeinsam mit den wendischen Städten Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald sowie später mit anderen Städtegruppen versuchten die Händler ihre Zwischenhandelsposition mit Hilfe von verbrieften Privilegien zu sichern und kontinuierlich auszubauen. Dieses föderale Ziel, die wirtschaftliche Kraft der Städte zu fördern und sie so von den Herren unabhängig zu machen, bürgte jedoch auf der anderen Seite ein immer häufiger auftretendes Misstrauen zwischen den Hansemitgliedern, denn das allgemeine Wohl der Kaufleute war nicht zwingend identisch mit dem der eigenen Fernhändler.

Im Laufe des 14. Jahrhunderts gelang es diesen finanzkräftigen Fernkaufleuten, die neben dem Seehandel auch im zunehmenden Maße den Überlandhandel kontrollierten, die politische und wirtschaftliche Führung in den Städten zu übernehmen und die kommunale Politik an ihre Interessen anzupassen. Diese wirtschaftspolitische Komponente der Hansestädte, die in unterschiedlichen Maße und auf unterschiedlichem Wege den Landesherren Rechte abnahmen, prägte das Wesen der Hanse und begründet ihr außergewöhnliches Handeln in Konfliktsituationen, von denen die Greifswalder und Kölner Konföderation exemplarisch vorgestellt werden sollen. Die Machtübernahme in den Rathäusern durch die handelnden Patrizier kennzeichnet den Übergang von den Interessengemeinschaften der Kaufleute, der Kaufmannshansen, hin zu der Bezeichnung der „stede von der Dudeschen hense“, die 1358 auftaucht.

Waldemar IV. – König von Nordeuropa?
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts gelang es dem dänischen König politischen Einfluss auf die Stadt Lübeck zu erringen. Zeitgleich war Heinrich II. von Mecklenburg sein Lehnsfürst und somit Verbündeter bei den Versuchen die Geschicke der jungen Städte Wismar und Rostock maßgeblich zu bestimmen. Diese und eine Reihe anderer kostspieliger Versuche, die Macht Dänemarks auszudehnen, führten zum Bankrott des Königshauses. Lübeck und die mecklenburgischen Herrscher konnten sich nach dem Tode Medved 1319 aus der Abhängigkeit befreien. Christoph II., sein Nachfolger, war im Ausland nicht angesehen und verlor zudem die wirtschaftlich wichtige Region Schonen an Schweden. Sein 1340 mit Hilfe der Hanse gekrönte Sohn Waldemar IV. machte sich sofort daran, das Dänische Reich neu zu strukturieren. Die Hanse investierte in Waldemar, damit er die Reisesicherheit auf den See- und Landwegen und damit die Interessen der Kaufmänner unterstützen könne. Neben den militärischen Unternehmungen im Ostseeraum und großer diplomatischer Aktivität im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation wollte der König auch die wirtschaftliche Entwicklung seines eigenen, sich entwickelnden Bürgertums und somit seiner Staatskasse fördern, denn durch die hansischen Privilegien zahlten die dänischen Kaufleute mehr Steuern als ihre Mitbewerber aus Stralsund & Co.

Dieses nur vordergründliche Paradoxon, dass die Städte sich des Einflusses eines um Vorherrschaft ringenden Königs entledigten, dann einem jungen Nachfolger halfen, die aufkommende Anarchie auf der Ostsee unter Kontrolle zu bekommen und damit einen neuen Erzfeind schufen, wiederholte sich im Laufe der hanseatischen Geschichte mehrmals.

Der erste Versuch
Da Lübeck lange Zeit eine Konkurrenz im Zwischenhandel zwischen Ost- und Westeuropa nicht duldete und das Hinterland der anderen wendischen Städte von Wismar bis Greifswald zudem nicht gleichwertig erschlossen war, spezialisierten sich diese auf den Heringshandel in dem nun wieder dänischen Schonen – ein einträgliches Geschäft im Mittelalter, denn der Fisch war während der Fastenzeit äußerst begehrt. Ab der Mitte des 14. Jahrhunderts kam es zu immer häufigeren Beschwerden dieser Kaufleute, dass dänische Hauptleute im selbstgefälligen Amtsmissbrauch Überfälle und Willkür gegen hansische Kaufleute zuließen. Doch dem König schienen solche Angriffe Recht zu sein, um die Handelsübermacht der Hanse in Dänemark zu schwächen. Außenpolitisch eroberte Waldemar neben Schonen noch Halland, Bornholm, Oeland und Blekinge.

Mitten in den Beratungen der Hansetagfahrt, d.h. des Treffens der Ratssendeboten einiger Hansestädte in Greifswald kam die Nachricht an, dass der dänische König am 27.07.1361 vor der reichen und äußerst wichtigen Handelsstadt Visby auf Gotland mit einem Heer gelandet war.

Dabei hatten die Hansestädte gerade über Möglichkeiten beraten, sich die Privilegien in Schonen vom neuen Herrscher bestätigen zu lassen. Im Gespräch war eine Einmalzahlung von 4000 lübischen Mark, eine für das 14. Jahrhundert ungewöhnlich hohe Summe. Die Konfrontation mit dem jungen König schien unausweichlich, doch dieser gab nach der Eroberung sofort nach: Er privilegierte die Städte und versuchte alles, um eine Allianz zwischen den Städten und seinen nunmehr Erzfeinden, den Königen von Schweden und Norwegen zu verhindern.

 

Diese, in Person Hakon IV. und Magnus I. Eriksson, bestätigten den Städten jede Unterstützung, falls es zu einem Konflikt mit Waldemar kommen sollte. Zusätzlich unterzeichneten die Grafen von Holstein und der Hochmeister von Preußen. Letzterer half der Hanse jedoch nur finanziell. Weitere Alliierte ließen sich zum 19. November 1361, an dem das militärische Vorgehen gegen Dänemark – die Greifswalder Konföderation – beschlossen wurde, nicht finden.

Der Militäreinsatz von 27 Koggen, 25 kleineren Schiffen sowie 3000 Mann sollte durch einen zusätzlichen Zoll refinanziert werden. Zudem wurde eine Handelssperre über Dänemark gelegt, die jedoch sowohl von den Städten der Zuidersee als auch von den kleineren mecklenburgischen und pommerschen Nachbargemeinden ignoriert wurde.

Das Scheitern war abzusehen, als bekannt wurde, dass die versprochene militärische Hilfe der beiden nordischen Königshäuser auf Grund innenpolitischer Unruhen nicht erscheinen würde. Nachdem Kopenhagen eingenommen wurde, zeigte der Mangel an Truppen seine Auswirkungen: Der Befehlshaber Wittenborg teilte im Juni 1362 das Heer um Helsingborg zu erobern. Aus Mangel an Soldaten ließ er die Flotte fast unbewacht in einer nahen Bucht ankern. Die Dänen eroberten innerhalb kürzester Zeit 12 Koggen, nahmen wichtige Gefangene und schnitten so den hansischen Truppen die Rückzugswege ab. Die Hanse jedoch blieb trotz der aussichtslosen Lage kompromisslos. Später richtete sie Wittenborg für seine angebliche Unfähigkeit hin, handelte im September 1365 einen Waffenstillstand und eine Bestätigung der Privilegien aus.

Gleichwohl die Hanse verloren hatte, war Waldemar IV. auf Grund innenpolitischer Unruhe auf die hansischen Kaufleute angewiesen und konnte so seinen Sieg nicht nutzen. Für die Hanse war diese Niederlage eine erste Bewährungsprobe außerhalb der wirtschaftspolitischen Ebene. Sie erkannte, dass die Eigeninteressen und die Verlässlichkeit der adligen Alliierten wichtige Faktoren bei solchen Vorhaben sind.

Schon bei der Unterzeichnung des Waffenstillstandes war abzusehen, dass ein neuer Waffengang bevorsteht. Der König ignorierte wieder die Klageschriften der Kaufleute über die willkürliche Behandlung in seinen Städten. Beide Seiten suchten nach neuen Verbündeten, denn die politische Landschaft Nordeuropas hatte sich entscheidend verändert. In Opposition zum König ernannte der schwedische Adel den mecklenburgischen Herzogssohn Albrecht III. 1364 zum König. Dieser hatte in Zusammenarbeit mit Holstein eine mecklenburgisch-schwedisch-holsteinische Allianz gegen Dänemark geschmiedet, in der sich die Hanse nur noch einfügen musste.

Der zweite (erfolgreiche) Versuch
Obwohl die Ausgangslage besser war, zeigte sich ein Riss bei den Kaufleuten. In den Rathäusern der wendischen Städte mit ihrer führenden Stadt Lübeck stand man noch unter dem Schock von Helsingborg und wollten noch keinen neuen Krieg. Die 1361 in Greifswald unbeteiligten Städte aus Preußen und der Zuidersee drängten jedoch auf eine Allianz mit Albrecht von Mecklenburg. Die mecklenburgischen Städte Rostock und Wismar befürchteten eine Instrumentalisierung durch den Herzog. Im Juli 1367 kam es in Elbing zum Schulterschluss der preußischen, niederländischen und zuiderseeischen Hansestädte. Dort wurde unter anderem beschlossen, dass ein großer Hansetag am Ende des Jahres in Köln die wendischen Städte zum militärischen Vorgehen gegen die Dänen bewegen sollte. Die Liste der Alliierten in der am 19. November beschlossenen Kölner Konföderation übertraf selbst die Hoffnungen ihrer größten Befürworter, zu denen nun auch junge und selbstbewusste Politiker aus den wendischen Städten zählten. Insgesamt bekundeten 57 Städte ihre Unterstützung, wenngleich man immer noch versuchte den Waffengang auf diplomatischem Wege zu verhindern. Allein Norwegen und eine Hand voll Herrschaftshäuser aus dem Reich waren im Gegensatz zu der Greifswalder Konföderation offiziell auf Seiten Dänemarks.

Die wendischen Städte unterschrieben zu ihrer Unterstützung im Frühjahr 1368 eine Allianz mit den Herzogtümern Mecklenburg und Sachsen sowie der Grafschaft Holstein. Hinzu kamen unter anderem Teile der jüttischen Ritterschaft und der Hochmeister des Deutschen Ordens. Doch auch die anderen Städtegruppen schafften es, adlige Unterstützung zu organisieren, so dass sich im April 1368 – zwei Monate nach der Kriegserklärung und viel zu früh für die dänische Allianz – die Ostseeflotte von 19 große Koggen, 2 Rheinschiffe und 20 kleinere Fahrzeuge sowie 1950 Mann, darunter 380 Armbrustschützen vor Stralsund vereinigte, Kopenhagen eroberte und dann zusammen mit der ebenso starken Nordseeflotte, die vor allem Norwegen angriff, Helsingborg und Helsingör einnahm. Obwohl die Armee auf Grund einer Pestepidemie kleiner war als zu Beginn des Jahrzehnts, konnte man auf die erfahrenen Söldner der Adligen zurückgreifen und hatte weniger Probleme die dänische Gegenwehr bis zum September 1369 zu überrennen. Die bedeutende dänische Region Schonen wurde zusammen mit schwedisch-mecklenburgischen Truppen genauso rasch eingenommen wie die wichtigsten Städte.

Während Mecklenburg weiterhin Krieg führte, unterzeichnete die Hanse am 30. November 1369 einen Waffenstillstand: Dänemark erklärte sich bereit, den Händlern nicht mehr im Wege zu stehen. Norwegen hatte schon im August aufgegeben.

 

Um sich ihrer Privilegien nach dem Sieg sicher zu sein und nicht als Finanzier landesherrlicher Eroberungen zu gelten, wurden die Ziele der Konföderation in Köln kodifiziert. Die Sundschlösser Helsingborg, Malmö, Skanör und Falsterbo sollten als Garantien der hansischen Rechte und Privilegien in Schonen verpfändet und die Finanzierung des Krieges wieder durch einen Pfundzoll garantiert werden. Die Pfandschaften verlangten es, dass sich die Konföderation auch nach den Krieg fortsetzen musste. Im Gegensatz zu ihren Erwartungen, stellte sich die Verwaltung der Schlösser als äußerst problematisch und wirtschaftlich schwierig da. Der noch zu schließende Friede war ebenfalls eine komplexe Gradwanderung für die Städte. Am 24. Mai 1370 wurde der Stralsunder Frieden zwischen 37 Hansestädten und dem dänischen Reichsrat geschlossen. Neben der Sicherung der Privilegien und der Besetzung der Pfandschaften bis 1385 gewann die Hanse das bis dato einmalige Recht, die Nachfolge von Waldemar IV. per Veto zu regeln. Gleichwohl sie sechs Jahre später einen Mecklenburger Kandidaten hätten wählen können, schritten die Kaufleute nicht ein, als Olaf, der Enkel Waldemars, zum König gekrönt wurde. Unter seiner Mutter baute Dänemark seine Vorherrschaft in Skandinavien aus und gründete die spätere Kalmarer Union. Das Herzogshaus Mecklenburg war selbstverständlich wenig begeistert über diese Entscheidung, denn Albrecht II. wollte neben seinem Sohn in Schweden auch seinem Enkel ein nordisches Königreich ermöglichen. Eine andere Entscheidung der Hanse hätte zudem verhindert, dass die selbstbewusste neue Königsmutter Margrethe Albrecht III. 1389 aus Schweden verjagt.

Was bleibt von der Macht? – Ein Ausblick in das 15. Jahrhundert
Die Erkenntnis der beiden Kriege gegen Dänemark war vor allem, dass die Städte sich nicht als kapitalkräftiges Instrument der landesherrlichen Territorialpolitik ausnutzen lassen dürfen. Ziel der Hanse war es somit, die Hegemonialstellung irgendeiner Macht im Nord- und Ostseeraum, seien es die Dänen oder die Mecklenburger, nicht zu dulden, denn nur eine sichere Vormachtstellung gäbe dem adligen Herrscher soviel Sicherheit, die Privilegien der Hanse zu hinterfragen.

Auf der anderen Seite spiegelten die 60er und 70er Jahre des 14. Jahrhunderts die mangelnde Einigkeit der Städte wieder, die in häufigen Tagfahrten mühsam einen Kompromiss erarbeiten mussten. Diese Uneinigkeit prägte in der folgenden, über die Jahrhundertwende hinausgehenden, Zeit das Verhältnis zwischen den beiden mecklenburgischen Städten Rostock und Wismar auf der einen Seite und den anderen Städten auf der anderen Seite: Der Versuch der Mecklenburger dauerhaft die schwedische (und die dänische) Krone zu tragen, scheitert kläglich und stürzt das Land an der Ostsee in Anarchie und Chaos. Die berühmten Vitalienbrüder sind einer der letzten Versuche der Herzöge das Blatt gegen Dänemark zu wenden.

Literatur (Auswahl)
Ernst Daenell, Die Blütezeit der deutschen Hanse. Hansische Geschichte von der zweiten Hälfte des XIV. bis zum letzten Viertel des XV. Jahrhunderts, 2 Bd., Berlin 2001.

Klaus Friedland, Die Hanse, Stuttgart 1991.

Rolf Hammel-Kiesow, Die Hanse, München 2002.

Jörgen Bracker (Hg.), Die Hanse — Lebenswirklichkeit und Mythos (Katalog der Ausstellung des Museums für Hamburgische Geschichte in Hamburg 24. August-24. November 1989), 2 Bd., Hamburg 1989.

 

 

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