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Die Europäische Industrialisierung

von Kathleen Schulze und Benjamin Fredrich
Veröfentlicht: 07.10.2009 / 12:00 Uhr

Der Beginn eines neuen Zeitalters muss erhebliche Gesellschafts- und Lebensveränderungen zum Grund haben. Durch eine Fülle an organisiert erzwungenen Wissensentwicklungen gelang die Kultur des alten Europas in die Epoche der Industrialisierung. Im Anfangsstadium wurden die wichtigsten mechanischen Entdeckungen überwiegend von Amateuren gemacht. Die Spinnmaschine entwickelte ein Mechaniker (James Hargreaves), sie wurde zwei Mal verbessert; durch einen Friseur (Richard Arkwright) und einen Textilarbeiter (Samuel Crompton). Den mechanischen Webstuhl erfand 1784 ein Pfarrer (Edmund Cartwright). Später erweiterten gezielt dafür ausgebildete Naturwissenschaftler diese Neuerungen der Wirtschaftstechnologie. Gleichzeitig suchten Unternehmer nach Möglichkeiten ihre Produktionskosten zu senken und organisatorisch innovativ zu handeln. Wissenschaft und Wirtschaft verschmolzen auf ein bis dahin unbekanntes Level.

 

Begrifflichkeit: „Industrielle Revolution”
Der Begriff „Industrielle Revolution“ gehört zu den umstritten in der Wirtschaftsgeschichte. Historiker begrenzen ihn sachlich auf die reine wirtschafts-technische Revolutionierung der Produktionsweise oder aber auch auf die soziokulturelle und politische Wandlung im Zuge der technischen Innovationen und dem Durchbruch des Fabriksystems. Bei der ersten Gegebenheit wird das Augenmerk auf eine von wenigen Jahrzehnten begrenzte Periode mit beschleunigtem Wirtschaftswachstum gelegt. In der Zweiten Erklärungsmöglichkeit wird der langfristige und von einem anhaltenden Wirtschaftswachstum geprägte Wandlungsprozess mit transformierender Eigenschaft in den Mittelpunkt gerückt. Jedoch ziehen Wissenschaftler in diesem Zusammenhang den Terminus „Industrialisierung“ vor. Es ist davon auszugehen, dass wir auf die Benennung „Industrielle Revolution“ nie komplett verzichten können. Der mit ihm umschriebene Prozess war zwar weder rein industriell getragen noch ist er stets revolutionär verlaufen – die Wirkung aber ist ein grundlegender Umbruch sowie eine zentrale Epochenschwelle in der Menschheitsgeschichte.

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Ursachen und Vorbedingungen
Ein prägnanter Aspekt der „Industriellen Revolution“ ist die Frage nach den Ursachen und den Vorbedingungen. Auf diesen Gesichtspunkt bezogen gibt es klare Unterschiede zwischen dem Pionierland England und den restlichen Ländern Europas. Denn für jene ist die Frage nach den vorhandenen, beziehungsweise nicht vorhandenen, Faktoren für einen raschen Aufholprozess von größerer Bedeutung. Hahn zeigt den Trend des multikausalen Erklärungsmodells auf. Demnach sind folgende Faktoren von Bedeutung: Bevölkerungswachstum, technologische Erneuerungen, Nahrungsmittelproduktion, Kommerzialisierung der Landwirtschaft, wachsende Binnennachfrage, Kolonisation, Erweiterung des Außenhandels, rasche Kapitalbildung sowie günstige staatliche Rahmenbedingungen. Im Zusammenhang dazu gibt es zusätzliche Forschungen über die notwendigen sowie zufälligen Einflüsse, welche die „Industrielle Revolution“ begünstigten. Zu den zufälligen Faktoren werden die Geographie, Bodenschätze, Klima und Bodenfruchtbarkeit gezählt – im Gegenbezug dann die notwenigen Faktoren wie Kapital, Technik, Bildung und Unternehmerschaft. Festzuhalten sind die qualitativen Veränderungen wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und politischer Art, welche verständlicherweise in einem Wirkungszusammenhang standen.

Die Maschine
Die Gesellschaftsveränderung begann mit technologischen Erneuerungen. Diese neuen Antriebs- und Arbeitsmaschinen konnten handwerkliche Fähigkeiten ersetzen, denn die Kraft und Präzision der Maschine war deutlich höher als die der menschlichen und tierischen. Durch die Maschine bekam die übrige Ökonomie gleichzeitig ein Multiplikatoreffekt, durch den die Wirtschaft weiter wuchs. Der Beruf des Ingenieurs und Mechanikers entstand speziell für die Verwendung der Geräte. Erst Ende des 19. Jahrhunderts expandierte auch die Chemie- und Elektroindustrie.

Die konstante Weiterentwicklung der Dampfmaschine
Die Dampfmaschine repräsentiert wie keine andere Erfindung die Industrialisierung in ihrem Ziel den technischen Fortschritt mit der Wirtschaft zu verbinden. Sie wurde Ende des 17. Jahrhunderts unter dem Namen der Dampfpumpe von Denis Papin und Thomas Savery erstmalig gebaut. Beide schafften es jedoch nicht ihre Erfindungen gesellschaftlich wertvoll zur Anwendung zu bringen. Der Grobschmied Thomas Newcomen entwickelte 1712 auf dem Wissen diese017_dampfmaschine_602r Forschungen die erste anwendungsfähige Dampfmaschine. Ein halbes Jahrhundert später wurde der Wirkungsgrad dieser Maschine von James Watt bedeutend verbessert. An diesem Beispiel ist zu erkennen, dass sich die Entwicklung des Fortschritts mit Hilfe mehrerer Menschen vollzog. Durch einen nicht unterbrochenen Strang der Forschung ist letztlich eine verwendbare und in ein neues Zeitalter stoßende Technologie entstanden. Darin bestand der größte Unterschied zu anderen Hochkulturen. Die Verzahnung der Wissenschaftstechnik mit der Wirtschaft ließ die Erfindungen nicht in Vergessenheit geraten, stattdessen wurden diese von neuen Erfindern weiterentwickelt. Die ständige Erforschung der Technik in Verbindung zum Markt wurde zur Routine. Obwohl Newcomen die bedeutendste technische Verbesserung bereits am Anfang des 18. Jahrhunderts machte, setzte die rasante Industrialisierung erst ein halbes Jahrhundert später ein.

Neben der Dampfmaschine gab es noch weitere Entwicklungen im Sektor der Rohstoffe. In Coalbrookdale begann Abraham Darby bereits in der ersten Jahrhunderthälfte mit der Erzeugung von Roheisen. 1784 wurde zusätzlich das so genannte „Puddel-Verfahren“ zur Stahlherstellung von Henry Cort entwickelt. Die Erschließung und Verwertung von bislang wenig verwendeten Rohstoffen wie zum Beispiel die Kohle und das Eisen sind weitere wichtige Impulse im Anfangsstadium des industriellen Prozesses.

Das Verkehrswesen
Die Eisenbahn ermöglichte es, neben dem Seetransport, schnell und in hoher Quantität Güter zu transportieren. Durch die Reform des Verkehrswesens wuchs die räumliche Ausdehnung der Produktion erheblich. Der verkehrstechnische Durchbruch an Land erfolgte erst Anfang des 19. Jahrhunderts, indem Richard Trevithick und George Stephonson die Dampfmaschine von Watt querlegten und Lokomotiven bauten. Den in großen Mengen hergestellten Gütern stand mit dieser Entwicklung ein Transportwesen zur Verfügung, dass die großen Mengen räumlich unabhängig machte. Auf Schiffen wurde die Dampfmaschine einige Jahrzehnte später eingesetzt, weil die mitzuführende Kohle zu viel Lagerplatz einnahm. Resultat dieses Problems war eine deutliche Verbesserung der Segelschiffe, um die erhöhte Menge an Gütern zu transportieren.

Die Entwicklung neuer Verkehrswege und –mittel beschleunigte die Herausbildung großer nationaler und letztendlich internationaler Märkte. Eine Vielfalt von Zollschranken, unterschiedliche Maß-, Münz und Gewichtssysteme stellten noch große Probleme dar. Daher stellt das Verkehrswesen neue Herausforderungen an das Kommunikationssystem.

Die Kommunikationsstruktur
Die bedeutende Neuerung des entstandenen Zeitalters ist die Kommunikationsstruktur. Mit der Erfindung des Telegrafen in den 70igern Jahren des 19. Jahrhunderts und später durch das Telefon wurde die Geschwindigkeit der Nachrichtenverbreitung erheblich gesteigert. Aus dieser Entwicklung organisierte sich später ein schnelles und verlässliches Postwesen.

Die Bildung
Die britische Gesellschaft hat ihre Aufmerksamkeit gezielt der Bildung zugewandt. Zügig bekamen die Colleges Zulauf. Repräsentiert durch die Lunar Society (Mond-Gesellschaft), wurde ab 1765 eine vollkommen neue Bildungspolitik betrieben. Die Lunar Society vereinte die klügsten Köpfe Englands aus allen Teilbereichen der Wissenschaft, wie Beispielsweise Adam Smith (Philosoph, Ökonom), John Wilkinson (Erfinder einer Präzisionsbohrmaschine), James Watt (Erfinder), Matthew Boulton (Ingenieur und Unternehmer), David Hume (Philosoph, Ökonom, Historiker) und Joseph Priestley (Erfinder des Radiergummis). In dieser kultur-politischen Atmosphäre war das Heranwachsen neuer Erfinder und Unternehmer außerordentlich gefördert. Im Gegensatz dazu zielte die Bildung der Franzosen und Deutschen eher in den militärischen – administrativen Sektor. Noch heute ist die anerkannteste Hochschule Frankreichs, die Ecole Polytechnique, unter der Verwaltung des Verteidigungsministeriums. Die Kooperation der Wissenschaft mit den Unternehmern blieb in Frankreich aus, stattdessen war sie verstärkt staatlich beeinflusst.

Die Lebensveränderung des Arbeiters
350px-Lewis_Hine_Power_house_mechanic_working_on_steam_pumpDie geschilderten ökonomischen Änderungen benötigen eine grundsätzliche Umstrukturierung der Arbeitskräfte. Die Arbeiter mussten technisch qualifiziert sein und wurden oft schon in den Fabriken, für die sie arbeiteten, ausgebildet. Die expandierende Ökonomie konnte sich nur mit einer massigen Anzahl an Arbeitern positiv entwickeln. Die Umstellung von der Landwirtschaft zur Industriewirtschaft (vom Primär- in den Sekundärsektor) brachte vermehrt schwere Belastungen für den Arbeiter, als dass es ihm dadurch leichter fiel seine Existenz zu sichern. In der Textilindustrie arbeiteten mehrheitlich Frauen. Ihr Geschick und die Möglichkeit sie geringer zu bezahlen, veranlasste die Arbeitgeber dazu viele Frauen und Kinder einzustellen. Das verbesserte Schulsystem hat einen Grundstein an Bildung selbst für nichtausgebildete Hilfsarbeiter zur Verfügung gestellt, sodass diese mindesten Lesen konnten und für den Unternehmer eine verlässliche Arbeitskraft darstellten.

Warum die Industrialisierung in Europa begann
Die Bedingungen und deren Zusammenstellung für eine derartige Gesellschaftsveränderung war vollkommen neuartig. Viele Historiker haben die Frage nach den Gründen gestellt. Dabei ist nicht auszuschließen, dass auch andere Kulturen ähnliche Bedingungen gehabt haben, es aber nicht zu einer Entwicklung wie in Europa gekommen ist.

Die Hochkulturen in der Zeit vor der europäischen Industrialisierung hatten mehr Beschränkungen für die neue Lebensweise durch ihre Religion. Die Christliche Lehre und speziell die Protestantische („bete und arbeite“) stützt eine derartige Entwicklung eher, als dass sie diese verhinderte. Die rationelle und effektive Arbeit bekommt damit einen göttlichen Charakter. Arabische Länder hingegen haben sich ab dem 12. Jahrhundert gewollt von der Forschung und Wissenschaft zu Gunsten der Religion abgewandt.

Die Europäer brachten durch ihre politische Veränderung eine gewisse Masse an individuellen, innovativen und selbstbewussten Menschentypen hervor. Bürger bekamen Verantwortungsbewusstsein und wurden in die Politik einbezogen. Aus diesem Menschentypen resultierte schließlich eine hohe Zahl an klugen Köpfen die zu Unternehmern, Forschern, Politikern, Wissenschaftlern und Beamten wurden. Auch die Griechen hatten einen ähnlichen Menschentypen. Sie besaßen ein wissenschaftlich-wirtschaftliches Denken. Deren Sicht auf die Welt eher rationaler und nicht mystischer und metaphysischer Ausprägung war.

Alle Individuen konnten sich auf ein festgeschriebenes Recht berufen. Die Ausbildung des Rechtsstaats ist die wichtigste Konstante um Vertrauen das der Unternehmer zu stärken. Konflikte wurden durch eine höhere Institution behandelt, Selbstjustiz wurde unterdrückt und verlor an Bedeutung. Am Ende dieser Entwicklung stand die Parlamentarische Demokratie in der das Individuum vor dem Eingreifen Dritter geschützt, Korruption und familiäre Ämtervergabe unterbunden wurde. Auf den Griechen aufbauend entwickelten die Briten das Rechtssystem des Römisches Reichs weiter.

Viele Jahrhunderte lang war der Fernhandel kein europäisches Phänomen. Die Wikinger und Araber hatten sich bereits um das 10. und 11. Jahrhundert eine Vorrangstellung des Handels erarbeitet. Zu einer Zeit in der die Territorialfürsten in Europa anfingen den Handel zu begünstigen und zu fördern. Besondere Bedeutung kam hier der verbesserten Seefahrt und dem Landtransportmittel der Lokomotive zu.

Letztlich ist der bewusste Einsatz von technisch-wirtschaftlichem Fortschritt der entscheidende Punkt für die Industrialisierung. Alle erläuterten Gründe für den Europäischen Wandel hat es einzeln oder in anderer Zusammenstellung bereits mehrfach in der Geschichte gegeben. Die exakte Zusammensetzung jeder dieser Gründe scheint ausschließlich der Schlüssel für die Industrialisierung zu sein.

Der Aufstieg Englands
Im 17. Jahrhundert führten die langjährigen, politischen Auseinandersetzungen in England zwischen Monarchie und Parlament zur „Glorious Revolution“ 1688 (Glorreiche Revolution). Bei dieser Systemveränderung wurde Jakob II gestürzt und das absolutistische Herrschaftssystem abgeschafft. Das Parlament wurde Träger der Staatssouveränität. Grundlage dieser neuen Regierung war die „Bill of Rights“, welche die Zustimmung des Parlaments in Angelegenheiten der Steuern, Abgaben, Folter und Heeresfinanzierung beinhaltete. Besonders wichtig für die wirtschaftliche Entwicklung war diese politische Revolution durch die Gewährleistung eines allgemeingültigen Rechtssystems und dem Aufbau einer funktionierenden Verwaltung. Für die Unternehmer waren diese Konstitutionen ein besser zu berechnender Faktor, als die Willkür eines Absolutisten.

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Die Industrialisierung im deutschsprachigen Raum

 

 

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