STARTSEITE

KONTAKT

IMPRESSUM

 

Schnelleinstieg

Mythen und Gewissheit über die Wikinger

Die Entdeckung Amerikas durch die Wikinger

Drei, zwei, eins, reingefallen - Das Widerrufsrecht im Internethandel

Deutsches Recht: Das Mehrwegpfand

 

 

geschichte des westens

kommunismus

 

 

 

 

 

 

preußen

68iger

 


Das Forschungsdesign der Proto-Industrie

von Benjamin Fredrich

Zum Artikel: Protoindustrialisierung in England

Spinnerin Proto-IndustrieViele Historiker betrachteten die Industrialisierung als ein großindustrielles überregionales Phänomen. Dabei fielen die Beschäftigungsmöglichkeiten dieser Wirtschaftsphase nicht in Städte sondern ausschließlich in ländliche Gebiete. Deren Erzeugnisse waren für den Export in internationale Gebiete bestimmt. Die nach diesen Merkmalen definierte “Proto-Industrie” entwickelte sich aus der Effektivitätssteigerung der Landwirtschaft: die Ablösung der Dreifelderwirtschaft durch die Fruchtwechselwirtschaft brachte mehr als das notwendige Maß an Nahrung für die Bevölkerung. Zusätzlich erhöhten verschiedene natürliche Düngemittel (Mist, Knochenmehl, Asche, Abfall) die Erträge erheblich. Unfruchtbare und für die Fruchtwechselwirtschaft nicht geeignete Felder wurden zu Graswirtschaft und Weidewirtschaft (Schaf-, Schweine-, Schweinehaltung) umfunktioniert. Eine räumliche Benachteiligung der Betreiber von weniger ertragreicher Graswirtschaft richtete ihre Arbeit vermehrt auf den Absatz in fremde Regionen aus. Das vor der großen Industrieentwicklung auftretende Phänomen der ländlichen Hausindustrie, in Verbindung mit andernorts kooperierenden Landwirtschaftsproduktion ist für Gesamteuropa in keinen zeitlichen Rahmen zu fassen. Die Hausindustrie wird mit der Beschleunigung der Industrialisierung räumlich differenziert abgelöst, ausgebaut oder bleibt unbeeinflusst. Haus- und Landbetriebe setzten neue Technologie zeitlich und räumlich äußerst unterschiedlich ein. Arbeiter wurden nicht zentral organisiert, dennoch waren die hergestellten Güter durch einen schwachen Grad an Arbeitsteilung charakterisiert.

 

Franklin Mendels, der wissenschaftlicher Begründer der Proto-Industrie

Die Proto-Industrie wird von ihren Namensgebern differenziert betrachtet. Während Franklin Mendels sie 1972 als „die erste Phase des Industrialisierungsprozesses“ definiert, bezeichnen die deutschen Kriedtke, Medick und Schlumbohm die Phase als „ Industrialisierung vor der Industrialisierung“. Eine letzte Kursänderung der Definition nimmt Pierre Deyon 1994 vor indem er formuliert, dass es sich vielmehr um „die Vorbereitungs- und Schöpfungsphase der eigentlichen Industrialisierung“ handelt. Der Begriff „Proto-Industrialisierung“ erscheint 1972 erstmalig in einer Dissertation von Franklin Mendels über die Region Flandern. Er beschreibt diese Gesellschaftsform zusätzlich als den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus. Nach den Begründern, lösten sich Bevölkerungsschichten von den Ressourcen der Agrarwirtschaft durch frei werdende Arbeitskräfte in saisonalem Rhythmus. Die regionale Spezialisierung in Landwirtschaft und Hausindustrie sei nur durch ein lockeres oder nicht vorhandenes Feudalsystem (Abwesenheit von Zünften) möglich. Die Mendelsche Epochenbildung der Proto-Industrialisierung dient der Verbindung unterschiedlichster Forschungsfelder. Sie brachten einen neuen Diskurs über die differenzierte Betrachtung der Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte, der Gewerbe- und Agrargeschichte sowie der Grenze von Feudal- und Kapitalgesellschaft. Die Proto-Industrialisierung versucht die nationale sowie internationale Industrialisierung durch eine Verbindung der Mikro- mit der Makroebene zu erklären. Das Forschungsdesign soll Mendels Ausführungen nach zu urteilen, anhand des menschlichen Lebenslaufs und der Familienarbeitsweise (Mikroebene) beschrieben werden.

Gesellschaftliche Verhältnisse
Die erste Phase der Proto-Industrie definiert sich in der Ausbildung einer kommerziellen Agrarwirtschaft und andernorts einer agrarischen Subsistenzwirtschaft, bedingt von der Abschaffung von Produktrenten ersetzt durch Geldrenten. Die ländliche Gesellschaft teilte sich in eine bäuerliche Schicht sowie in eine kommerzielle Familienindustrie auf. Die Städte waren wegen der noch zu stark anwesenden (geltenden) feudalen Regeln für die vorindustrielle Nutzung weniger geeignet als das Land. Gefördert von der Bildung großer ländlicher Märkte (die neue Berufsgruppe der Verlagskaufleute entsteht), verloren die Arbeiter ihren Zugang zum Tauschhandel. Sie wurden von ihren Handelskompanien abhängig. Ob die Proto-Industrialisierung Bevölkerungswachstum förderte, wird von Historikern örtlich stark differenziert betrachtet. Die Zersplitterung des Grundbesitzes, die Nebenbeschäftigung der Bauern, die Notwendigkeit vieler arbeitsfähiger Kinder könnten zu Bevölkerungswachstum geführt haben. Die Entwicklung kommerzieller Landwirtschaft und Hausindustrie löste strenge Regeln der Fortpflanzung, Familienverhältnisse und Erbschaft auf. Eheschließungen unterlagen partiell nicht den herrschaftlichen Kontrollmechanismen, weil der Lebensunterhalt nicht vererbt, sondern selbst erarbeitet wurde. Die Gründung einer effizienten Hauswirtschaft ließen die Heirat und viele arbeitsfähige Kinder zur Notwendigkeit werden. Denn die Produktionseinheit setzte sich aus der Familie zusammen. Nur selten wurden familienlose Personen in die Hauswirtschaft aufgenommenen. Die charakterliche Ausprägung der Beschäftigung in einer Hauswirtschaft variierte stark. Nicht immer wurde Arbeitsteilung praktiziert. Kooperation konnte auch zwischen verschiedenen Haushalten in lockerer Abhängigkeit stattfinden. Das proto-industrielle System blieb dadurch mehrheitlich in bäuerlich geprägten Verhältnissen.

 

Regional unterschiedliche Entwicklung
Nicht alle Proto-Industrien wuchsen zur Fabrikindustrie heran, doch sie entwickelten ein feines Geflecht von Handelsrouten und Marktverbindungen. Sie schufen teilweise die Bedingungen der Großindustrie, indem sie die ersten großen wirtschaftlichen Kapitalakkumulationen ermöglichten. Gleichzeitig stand die Proto-Industrialisierung in Konkurrenz zur Urbanisierung und zum städtischen Finanz-, Handel- und Industriegewerbe. Zahlreiche De-Industrialisierungen fanden auch in gut funktionierender Proto-Industrialisierung statt. Auf dem Land siedelte sich oft die arbeitsintensive Produktion wie Spinnen und Weben an, weil die Arbeitskraft ländlich sehr viel günstiger veräußert wurde als in der Stadt. Produktionsschritte, die die Anwendung einer Maschine erlaubten, blieben in der Stadt. Dementsprechend wuchsen gleichzeitig Kooperation und Konkurrenz zwischen Land und Stadt. Die Grundherrschaftssysteme von Gemeinden, Dörfern und sozialen Gruppen der frühen Neuzeit waren, wie auch die Ausprägung der Arbeitsverhältnisse räumlich differenziert zu betrachten. Sie gaben die Bestimmungen für Kaufmöglichkeiten, Erbvorgänge und Arbeitsverhältnisse vor. Insgesamt war der englische Staat in diesen Punkten mit wenigen Kompetenzen ausgestattet, sodass dem ländlichen Raum freie Entfaltungsmöglichkeit in die unterschiedlichsten Richtungen offen blieb. Die entstandene Lücke der ländlichen Macht nutzten lokal agierende Verleger ohne den Druck individueller, kapitalistischer Unternehmer. Von staatlichen Privilegien unterstützt bildeten die zunftähnlichen Gesellschaften, die oft keinen Bestimmungen unterworfen waren, Monopolstellung in lokalen Regionen. Die bevorzugten Orte der Verlagskaufleute waren durch viele günstige Ressourcen und leicht zu erreichende Exportmärkte gekennzeichnet. Vermehrt stieg die Arbeiterzahl der Hausindustrie in unfruchtbaren Gegenden, aber auch vereinzelt in den fruchtbaren Territorien. Wie Russland beispielhaft bewies, ist die Proto-Industrialisierung mit dem Feudalsystem ohne Machtverlust kompatibel. Die Systeme der Produktion wurden bis ins 18. Jahrhundert in nahezu allen europäischen Staaten durch kooperative Gruppen von Kaufleuten oder auch von Produzenten monopolisiert geregelt ohne dabei zwangsläufig die Regierungsform zu gefährden.

Institutionen: Handelskompanien und Zünfte
Die Eigenschaften von Handelskompanien und Zünften weisen ähnliche Ausprägung auf. Beide Organisationen sind unfreiwillig zusammengesetzt. Unternehmer die in einem Gebiet handeln wollten, mussten in die ansässige Kompanie oder Zunft eintreten. Die Gesellschaften ließen Zutritt oft nur bei nachgewiesenen Verwandtschaftsbeziehungen zu oder verlangten hohe Beitrittsgebühren. Die Institutionen regelten Maximallöhne, Preise, Qualität der Ware, Quantität der Ware und den Grad der Technik. Produktivitätssteigerungen wurden in der Mehrzahl abgelehnt. Handelskompanien und Zünfte besaßen damit rechtliche, ökonomische und sozial wirkende Monopole mit denen sie Konkurrenz verhinderten. In Holland und England verloren diese lokalen Marktmachthaber ihre Bedeutung etwa um 1750.
 

Wirkung und Abschaffung der proto-industriellen Regeln
Auf die Frage nach der demografischen Entwicklung in Bezug zur Proto-Industrialisierung scheinen die Historiker keine allgemeingültige Antwort zu finden. Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind eindeutig. Die Proto-Industrie hatte enormen Einfluss auf die Preisentwicklung und bremste durch das Fehlen des Wettbewerbs die Entwicklung der maschinellen Industrialisierung. Preise und Monopolstellungen wurden zum erheblichen Maß auch durch den Staat beeinflusst. Besonders die Textilindustrie resultierte aus der staatlichen Nachfrage der Armeekleidung. Später wurden in dieser Weise auch Metall und Eisenindustrie gefördert. Ein Krieg auf fremdem Territorium hatte demnach positiven Einfluss auf den proto-industriellen Verlauf. Von noch höherer Bedeutung ist der neu aufkommende, frühneuzeitliche Staat hinsichtlich der Handhabung von Kolonien, Zollschranken und dem Gewinn von Exportmärkten. Kolonien und eroberte Exportmärkte garantierten eine internationale Nachfrage für die industrielle Hauswirtschaft. Das gesamte nordwestliche Europa geriet dadurch in wirtschaftliches, industrielles Wachstum von regionaler Unterschiedlichkeit. Ein industrieller Boom resultierte auch aber nicht nur durch die langsame Abschaffung der institutionellen Monopole. In Böhmen, Frankreich, Italien, Spanien, Österreich, Wuppertal, Württemberg brachen am Ende des 18. Jahrhunderts beim Versuch die Privilegien zu beschränken, gewaltsame Konflikte aus.

Insgesamt ist die Proto-Industrie eine Übergangsperiode, welche die ersten Besitzakkumulationen ermöglichte, die eine Großindustrie entstehen ließen. Die Großindustrie wiederum zerstörte gleichsam ihre Wurzeln der proto-industriellen Vorphase, indem sie effektiver und zentrierter organisiert war. Den proto-Industriellen Standorten in Westeuropa blieben lediglich zwei Möglichkeiten der Entwicklung: Entweder sie entwickelten sich zu Städten und Städtenetzwerken mit ausgebildetem Fabrikwesen und Maschinenanwendung oder sie fielen in eine vor-proto-industrielle Subsistenzwirtschaft zurück.

 

 

Weitere Artikel
Lübeck-Talliner Totentanz
Buchrezension: Preußen - eine humane Bilanz
Deutsche Banken: staatlich oder privat?
Krieg im Gazastreifen wird weitergeführt