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Afghanistan - Spielball der Mächte

von David Noack

hubschrauber afghanistan kIn den Vereinigten Staaten von Amerika ist mit Barack Obama ein Präsident angetreten, der klar vorgab aus dem Irak abziehen zu wollen. Großbritannien, die Ukraine und Südkorea haben ihre Truppen bereits aus dem Land zwischen Euphrat und Tigris in die Heimat geschickt. Doch warum hat noch kein bekannter amerikanischer, britischer oder gar deutscher Regierungspolitiker ernsthaft laut über einen Rückzug aus Afghanistan nachgedacht?

Andere Länder, sind da weiter: So empfiehlt ein Bericht des kanadischen Senats zum militärischen Einsatz im Süden Afghanistans den Abbruch der Mission, falls die NATO-Verbündeten ihre Einsätze im heftig umkämpften Süden des Landes nicht bald kräftig ausdehnen. Südkorea hat bereits seine Entwicklungshelfer und militärischen Einheiten abgezogen. Die Schweiz zog ihre Soldaten zurück, da die „Natur des Einsatzes der International Security and Assistance Force in Afghanistan (ISAF) sich […] geändert hat. Die friedenserhaltende Unterstützungsoperation hat sich im südlichen Teil Afghanistans schrittweise in eine Operation zur Bekämpfung der Aufständischen verwandelt“. Dänemark, Tschechien und Ungarn planen ebenfalls, ihre Soldaten aus Afghanistan abzuziehen.

Doch warum setzten sich die USA, Briten und Deutschen immer mehr fest in dem Land, welches keine nennenswerten Rohstoffvorkommen hat? Warum sterben immer mehr Soldaten für einen Fleck Berge und Wüste?

Dazu ein Exkurs in die Geschichte Afghanistans:
Nachdem Persien als Stellvertreter Russlands 1837 auf Herat marschierte und der Herrscher von Kabul sich Russland annäherte, wandte sich die Außenpolitik Londons dem sogenannten Großen Spiel in Zentralasien zu und wollte die noch nicht kolonial aufgeteilten Gebiete gegen das Zarenreich sichern. Von 1839 bis 1842 sowie von 1878 bis 1881 war die königlich-britische Armee in Kriege auf afghanischem Boden verwickelt, welche mit einem Kontrakt endeten, der London die Außenpolitik und einige andere Rechte Afghanistans zusprach und das zentralasiatische Land in ein Abhängigkeitsverhältnis zu den Briten brachte. Um den Widerstand gegen die britischen Kolonialisten zu schwächen, zogen die Briten 1893 die Durand-Linie. Somit waren die widerständigen paschtunischen Stämme auf einmal in Britisch-Indien oder dem Vertragsstaat Afghanistan. Im Ersten Weltkrieg betrieb das deutsche Außenministerium eine Politik zur Aufwiegelung der afghanischen Zentralregierung gegen Großbritannien. Die paschtunischen Stämme und das afghanische Heer sollten Truppen Britisch-Indiens bündeln und somit eine weitere Belastung für die Entente schaffen. Doch das Projekt schlug fehl, lediglich die Paschtunen erhoben sich, was nach dem Dritten Afghanisch-Britischen Krieg in der nominellen Unabhängigkeit des neuen Königreichs endete.

Nach langer Zeit der Abstinenz von der internationalen Bühne übernahm am 27. April 1978 die kommunistische "Demokratische Volkspartei Afghanistans" (DVPA) unter Nur Muhammad Taraki die Macht in Afghanistan. Dieser betrieb eine Annäherung an den Ostblock und forcierte die gesellschaftliche Umgestaltung, unter anderem mit einem Bildungsprogramm, einer Bodenreform sowie einer Säkularisierung des Staates. Insbesondere die Unterdrückung des Islams und die Vertreibung ehemals privilegierter Gruppen führten zu einem breiten Widerstand. Außerdem war Taraki mit offener Parteinahme für Moskau in den Kontext des globalen Kalten Krieges geraten. Im Jahr nach der Machtergreifung der Kommunisten begann die CIA mit verdeckten Operationen in Afghanistan. Es gründeten sich in dieser Zeit rund 30 Gruppen der Mudschaheddin mit unterschiedlichen ideologischen Hintergründen. Diese wurden fortan über das Königreich Saudi-Arabien und den pakistanischen Geheimdienst ISI finanziert und ausgerüstet. Sogar verdeckte Militärmissionen von amerikanischen und britischen Spezialeinheiten fanden statt. Mit der Ermordung Tarakis, nach innerparteilichen Differenzen übernahm Hafizullah Amin im September 1979 die Macht und versuchte den Widerstand gewaltsam niederzuschlagen. Man rief Moskau zur Hilfe, denn Kabul kontrollierte gerade mal 13 Prozent des Territoriums des eigenen Landes. Am 24. Dezember 1979 dann marschierten sowjetische Truppen in Afghanistan ein, um Stabilität und Ordnung in ihrem Sinne wiederherzustellen. Fünf Tage später war der so genannte „pro-sowjetische“ Amin von sowjetischen Sonderkommandos erschossen worden und Moskau setzte eine ihnen genehme Marionette ein. Die USA sahen ihre Chance gekommen: „Wir haben jetzt die Gelegenheit, der UdSSR ihren Vietnamkrieg zu bereiten!“ (Zbigniew Brzezinski – damaliger Sicherheitsberater von Präsident Carter und derzeitiger Außenpolitikberater von Barack Obama – in einer Note an den Präsidenten). Laut CIA standen 300 000 Mudschahedin unter Waffen im Kampf gegen die Rote Armee, unter ihnen 35 000 Kämpfer aus 34 Ländern. Saudi-Arabien sah den Kampf als Verteidigung islamischen Gebietes gegen die Ungläubigen und Pakistan unterstütze die Gotteskrieger, um somit Einfluss auf Afghanistan zu nehmen. Seit der Invasion in Afghanistan unterstütze Moskau auch Separatisten in Belutschistan. Hierbei halfen auch der Iran und der Irak. Obwohl belutschische Abspaltungsforderungen auch auf Kosten des Iran gegangen wären, finanzierte Teheran ein unabhängiges Belutschistan, da die Islamische Republik dann keine Grenzen mehr mit Pakistan gehabt hätte, da dieses mit USA verbündet war und noch bis heute ist. Wäre es zur Unabhängigkeit dieser Provinz damals gekommen, hätte die UdSSR einen direkten Korridor zum Indischen Ozean gehabt. Ein Grund mehr für die USA, die Dschihadisten in ihrem Kampf gegen die Rote Armee zu unterstützen. Ab 1984 begann der berühmte Sohn eines millionenschweren saudi-arabischen Bauunternehmers mit der Rekrutierung von arabischen Mudschaheddin mit Duldung des damaligen saudischen Prinzen und späteren Königs Fahd – der Name des Bauunternehmersohns und Anwerbers ist: Osama bin Laden. Es ist heutzutage bekannt, dass die CIA allein mit drei Milliarden US-Dollar die Islamisten unterstützt hat. Kriegsentscheidend war ab 1986 die Lieferung von US-amerikanischen Stinger-Luftabwehrraketen. Diese auch „Fire-And-Forget“-Raketen genannten Waffen brachen die sowjetische Lufthoheit. Unter Vermittlung der UNO zogen die sowjetischen Truppen bis zum 15. Februar 1989 ab. Drei Jahre später brach das pro-sowjetische Regime in Kabul zusammen. Fortan versank Afghanistan in Chaos und Anarchie.

afghanistan schütze kNach dem Kalten Krieg
Der Zusammenbruch der Sowjetunion veränderte die geopolitische Lage völlig, da nun im Norden des Hindukusch fünf neue islamische Staaten entstanden waren. Iran, welches noch vom Krieg gegen den Irak geschwächt war, versuchte sich in seinem östlichen Nachbarland und dem neuen Zentralasien nach dem Libanon zum zweiten Mal als regionale Macht aufzuspielen. In Afghanistan sah sich die Islamische Republik Iran als Schutzmacht über das schiitische Volk der Hazara, welches man vor allem in Zentralafghanistan vorfindet. Um dem aufstrebenden Iran etwas entgegen zusetzen, unterstütze Saudi-Arabien die Taliban, eine Sammlungsbewegung von sunnitischen Fundamentalisten. Pakistan benutzte die Taliban, um seinen „Hinterhof“ mit einem Verbündeten zu sichern – als Absicherung gegen den pakistanischen Erzrivalen Indien. Die sunnitischen Taliban sahen (und sehen immer noch) die Schiiten als Ungläubige an. Besonders brutal gingen sie deswegen gegen die Hazara vor. Bei der Einnahme der von Hazara und Usbeken gehaltenen Stadt Mazar-i-Sharif im Jahre 1998 kam zu einem Massaker an der lokalen Bevölkerung mit über 8000 toten Zivilisten. Da auch iranische Diplomaten getötet wurden kam es fast zum Krieg zwischen der Islamischen Republik und den fundamentalistischen Sunniten. Der Konflikt konnte abgewendet werden, jedoch gingen die Taliban in Ausmaßen eines Völkermordes weiter gegen die Hazara vor. Außerdem beherbergten die Taliban unter anderem die „Islamische Bewegung Usbekistans“, welche ein Kalifat in Afghanistans nördlichem Nachbarland errichten wollte und für Instabilität im Fergana-Tal sorgte. Dieses Tal ist ein besonders wichtiger Punkt der Seidenstraße und schließt Teile Usbekistans, Tadschikistans und Kirgisistans mit ein.

 

Als die USA im Jahre 2001 dann die Taliban aus Kabul vertrieben bekamen sie Unterstützung sowohl von Russland – welche die Nordallianz, die als Bodentruppen der US Air Force fungierten, mit Waffen versorgte – als auch von den Regierungen Usbekistans und Kirgisistans, welche den Vereinigten Staaten Stützpunkte verpachteten. Kasachstan stellte seinen Luftraum zur Verfügung. Binnen weniger Monate konnten die Taliban vertrieben werden und galten zuerst als besiegt. Die über Jahre anhaltende Besatzung und ausbleibende Erfolge beim Wiederaufbau des Landes ließen den Widerstand in Afghanistan jedoch mit der Zeit immer mehr wachsen. Seit dem Jahre 2006 sind die Taliban wieder im Aufwind, jedoch vor allem in paschtunischen Gebieten des Landes. Es ist auch bekannt, dass nicht nur religiöse Fanatiker in den Reihen der Taliban engagieren, sondern diese Bewegung sich mehr und mehr zu einer paschtunischen Unabhängigkeitsbewegung entwickelt hat. Auch weiß man, dass die Gotteskrieger besser bezahlen sollen, als die Zentralverwaltung in Kabul. Deswegen haben sich auch viele Menschen ohne jegliche Perspektive und unter finanzieller Not ihnen angeschlossen. Die „Hauptstadt“ der Taliban ist Quetta, die Hauptstadt des pakistanischen Belutschistans. Hier hausieren große Talibanführer bis heute unbehelligt eng verbandelt mit dem ISI – dem pakistanischen Geheimdienst. Teile eben dessen und des Militärs des Atomwaffenstaates scheinen der Meinung zu sein, dass man mit den Taliban das „Hinterland“ Pakistans unter Kontrolle bringen könnte. Jahr für Jahr steigen die Opferzahlen in Afghanistan: zivile Opfer, Soldaten des Westens und Rebellen. Auch haben sich ehemalige Mitglieder der Nordallianz vom Westen abgewendet und sich dem Widerstand angeschlossen. Westliche Diplomaten vor Ort geben teilweise auch schon zu, dass Afghanistan verloren ist. Jedoch fehlt der Wille abzuziehen. Aber warum?

Geopolitische Schnittstelle
Das karge Afghanistan liegt an einer geopolitischen Schnittstelle. Im Norden befindet sich das rohstoffreiche Zentralasien. Im Osten grenzt es an die aufstrebende Wirtschaftsmacht China, sowie die Atommacht Pakistan. Auch die „Großmacht des 21. Jahrhunderts“ Indien liegt in der Nähe. Im Westen grenzt Afghanistan an den Iran, welches Ziel eines möglichen nächsten amerikanischen Krieges ist. Nach Unruhen 2005 in der usbekischen Provinz Andishan, entsagte der usbekische Diktator wieder dem Westen und ließ die Amerikaner das Land verlassen. Deutschland als Schlüsselpartner in Europa durfte seinen Stützpunkt nahe der afghanischen Grenze behalten, jedoch ohne Wissen der Bevölkerung. Fortan vertiefte Usbekistan die zentralasiatische Integration. Russland war seit 1994 mit einer Friedenstruppe in Tadschikistan präsent, hat seine Mission jedoch beendet. Trotzdem bleibt es mit einer Luftwaffenbasis im Land und führt im Rahmen der OVKS (Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit – eine von Russland geführte Verteidigungsorganisation pro-russischer GUS-Staaten) regelmäßig Manöver durch. Und zum ersten Mal außerhalb von UN-Blauhelm-Einsätzen hat Indien seine erste Luftwaffenbasis in Tadschikistan gebaut – was dessen Erzfeind Pakistan ziemlich erzürnen dürfte. Im nahe gelegenen Kirgisistan tummeln sich ebenfalls die Großmächte: Frankreich, Russland, Spanien und die Vereinigten Staaten unterhalten dort Luftwaffenbasen. Und als im Jahre 2005 Unruhen Kirgisistan erschütterten, sorgte die chinesische Zeitung „Huaxia Shibao" für eine Sensation: Sie kündigte eine chinesische Intervention an. Diese blieb jedoch aus. Bis heute versuchen Russland und die Volksrepublik die Westmächte von dort zu vertreiben. Und das geeignete Mittel hat die eurasische Allianz Moskau-Peking (-Delhi-Teheran) auch schon gefunden: Die Shanghai Kooperationsorganisation (SCO – Shanghai Cooperation Organisation). Dieses Bündnis besteht aus China, Russland, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan. Turkmenistan könnte schon bald Vollmitglied werden. Indien, Pakistan, Iran und die Mongolei sind Beobachterstaaten, wobei Teheran und Islamabad bereits Interesse bekundet haben, den Vollmitgliedsstatus zu erreichen. Ebenfalls hat Nepal einen Aufnahmeantrag gestellt. Jedoch sind die Prozedere bisher noch nicht abgemacht worden. Die SCO hat sich offiziell der Bekämpfung der drei „Grundübel der Region“ verschrieben: Extremismus, Separatismus und Terrorismus. Doch bereits mehrmals wurde von verschiedenen Seiten ins Spiel gebracht, dass der Klub der (bisher lediglich) sechs Staaten zu einem Militärbündnis ausgebaut werden könnte – eine Art „NATO des Ostens“ als Gegenpol zum Einfluss des Westens. Auch Afghanistan könnte in dieses regionale Machtgefüge eingebunden werden. Bisher wurde schon eine Kontaktgruppe „SCO-Afghanistan“ gegründet. Eine Mitgliedschaft scheint auch nicht ausgeschlossen.

Gibt es nur die Option ISAF oder Taliban?
afghanistan mörserBereits zwei Großmächte sind an dem Vielvölkerstaat zu Grunde gegangen: Das British Empire und die Sowjetunion. Und wenn die UdSSR vor zwanzig Jahren mit 180 000 Soldaten es nicht geschafft hat, Afghanistan zu befrieden, dann wird es die NATO mit 50 000 „Friedensbringern“ im Jahre 2008 auch nicht schaffen. Laut CDU-Sicherheitspolitiker Willy Wimmer (MdB) stellt sich die NATO auf ein Engagement von einer Länge bis zu 40 Jahren ein. Und der frühere SPD-Spitzenpolitiker Egon Bahr forderte jüngst eine Aufstockung auf „nicht weniger als 200 000 Mann“. Düstere Aussichten! Wie die Bundeswehr auch bereits selbst herausgefunden hat, steigt die Terrorgefahr im eigenen Land durch das wahnsinnige Engagement zur „Selbstverteidigung am Hindukusch“. Eine multipolare und regionale Lösung für den Konfliktherd Afghanistan muss her: Die SCO und alle Beobachterstaaten eben jenes Bündnisses könnten zusammen mit der OVKS (was diverse Dopplungen mit sich führen würde), der Arabischen Liga und der Organisation der Islamischen Konferenz gemeinsam eine Friedenstruppe schaffen, welche nicht vor allem mit militärischen Mitteln, aber mit einem koordinierten zivilen Aufbau und einer nicht übertriebenen militärischen Absicherung eines neuen Staates, dessen Hoheitsgewalt auch über die Hauptstadt hinausreicht, Afghanistan helfen. Der derzeitige vom Westen protegierte „Präsident Afghanistans“ Hamid Karzai wird im eigenen Land schon der „Bürgermeister von Kabul“ genannt, da seine Regierungsgewalt nicht weit über die Hauptstadt hinausreicht. Während für militärische Ausgaben von 2002 bis 2006 gigantische 82,5 Mrd. Dollar bezahlt wurden, belief sich die Entwicklungshilfe im selben Zeitraum auf 7,3 Mrd. Daran muss sich sofort etwas ändern, doch der Westen hat seine Glaubwürdigkeit verspielt und in der Region nichts zu suchen.

Autor:
David Noack, geboren 1988 in Berlin, studiert Politikwissenschaft und Geschichte an der Universität Greifswald. - Offizielle Homepage von David Noack

 

 

 

 

 

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