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Buchrezension: Preußen - eine humane Bilanz.
von Benjamin Fredrich

16.04.2010 / 00:32 Uhr

Preußen eine humane Bilanz mittelErhard Bödecker studiert die Geschichte Preußens schon einige Jahre. Seine Arbeitsweise jedoch unterscheidet sich von der anderer Historiker. Bödeckers Schriften erhielten heftige Kritik in positiver, wie negativer Ausprägung. Um Missverständnisse zu vermeiden stellt er von Anfang an klar, aus welcher Perspektive er die Geschichte betrachtet - sie ist konservativ, sie ist preußisch.

Sein neues Buch: „Preußen - eine humane Bilanz“, erschienen im Olzog-Verlag, ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Der Autor bekämpft jedes Argument, dass sich gegen den preußischen Staat richtet. Die Ideologie der Amerikaner und Kommunisten hätte eine neutrale Geschichtswissenschaft ersetzt, so Bödecker. Diesem internationalen „Antipreußenkoller“[1] will der ehemalige Luftwaffenpilot mit Fakten begegnen.

 

Preußens hervorstechende Stellung im Bereich des Rechtsstaates, der Verfassung, Bildung, Wissenschaft und der straff organisierten Armee wird kurz und prägnant dargestellt. Wenn auch an einigen Stellen sehr verblümt, stimmen die meisten Fakten dieser Themen. In anderen Bereichen trifft das leider nicht zu.

Von falschen Zusammenhängen
Die frühzeitige Beendigung des preußischen Sklavenhandels sieht Bödecker darin begründet, dass Friedrich Wilhelm I. keine Unmenschlichkeit, das heißt in diesem Fall keinen Sklavenhandel, duldete.
Die Annahme des Autors, der Sklavenhandel sei aus Gutherzigkeit abgeschafft worden, ist eher unwahrscheinlich. Viel eher erscheinen hier wirtschaftliche Überlegungen ausschlaggebend gewesen zu sein. Preußen war am Sklavenhandel beteiligt. Erst nach dem Verlust einiger Kolonien und der Unwirtschaftlichkeit der Unternehmung, hat der Staat den Traum vom Reichtum durch Sklavenhandel aufgegeben.

Auch die Ausbildung des Sozialstaates sieht der Autor in der Gutmütigkeit Bismarcks begründet. Es besteht kein Zweifel: Bismarck war der Begründer vieler wichtiger sozialer Versicherungen und Gesetze, die sich besonders positiv auf die Arbeitnehmer auswirkten. Sie sind allerdings nicht aus Nächstenliebe entstanden, vielmehr blieb der Regierung keine andere Wahl.

Die Akzeptanz der „linken“ Parteien erhöhte sich Ende des 19. Jahrhunderts. Sozialdemokraten, Sozialisten und Kommunisten kontrollierten die Mehrheit der Arbeiter und waren in der Lage, große Teile der Wirtschaft mit Streiks und Aufständen zu blockieren. Im Jahr der Reichsgründung, 1871, erhielten die Sozialdemokratischen Parteien (ADAV und SDAP) 3,2% der Wählerstimmen. Bis zur Entlassung Bismarcks im Jahr 1890 stieg der Wähleranteil der Sozialdemokratie (SPD) auf 19,8%.

Um diese Entwicklung zu stoppen, verabschiedete der Reichstag die „sozialen“ Gesetze unter Bismarcks Führung. Der Aufbau des Sozialstaates ist aus der Taktik entstanden, die Angriffsfläche der schlechten Arbeitersituation zu verringern und der Sozialdemokratie die Argumente zu nehmen. Der Reichskanzler hatte seine eigentliche Absicht, die eigene Macht zu erhalten, keineswegs verschleiert.[2]

Selbstverständlich kann der Regierung Preußen-Deutschlands hier positiv attestiert werden, auf die Bedürfnisse ihrer Bevölkerung angemessen reagiert zu haben, auch wenn die Reaktion lediglich durch politischen Druck entstanden ist.

Juden in Preußen
Einwanderer sind Bödeckers Ausführungen nach, wegen der Rechtssicherheit nach Preußen gekommen. In einem eigenen Kapitel über die Juden verweist er auf deren Überpräsenz in Medien, Medizin, Justiz und Wissenschaft. Nur im Bereich der Armee und der Verwaltung waren die Juden wenig erfolgreich, so der Autor. „Doch hatte das nichts mit Antisemitismus zu tun, der Grund lag im von Bismarck geäußerten Wunsch auf eine homogene Verwaltung und Armee.“[3]

In dieser Argumentation widerspricht Bödecker sich selbst, wenn er an späterer Stelle schreibt, dass Preußen „seinen  Bürgern völlige Freiheit in ihrer […] Berufswahl“[4] garantierte. Auch werden diskriminierende Ereignisse gegenüber Juden in Preußen, wie sie andere Historiker anführen, vom Autor des hier vorgestellten Buches großzügig übersehen.

Preußens Militär war gerecht, alles andere ist Propaganda
Schwer zu beurteilen ist, inwieweit aktiv agierende Armeen gerecht handelten oder ob diese überhaupt gerecht handeln können. Leidenschaftlich verzerrt, stellt Bödecker fest, „die preußischen Truppen kämpften ritterlich, diszipliniert und unter größtmöglicher Schonung der Zivilbevölkerung“.[5] Wie im Buch sehr oft, wird auch zu dieser Aussage leider keine Quelle angegeben. Dagegen ist vor allem die amerikanische Geschichte von unglaublichen Grausamkeiten durchzogen. Zivilisten, besonders aber Sklaven und Indianer wurden im Sezessionskrieg (1861-65) mit einer ungeheuren Rücksichtslosigkeit behandelt, so der Autor.

Alle negativen „Mythen“ welche die preußische Armee als Hunnen, kaltblütig oder grausam darstellen, entgegnet Bödecker in wiederholt verliebt-verteidigendem Stil: „Das Militär in Preußen war streng, aber gerecht und menschlich. Alles andere ist Propaganda, und zwar vorwiegend aus sozialistischer Ecke“.[6] Des Autors uneingeschränkte Liebe zu Preußen, ist für jedes von ihm behandelte Thema vorhanden. Verachtung dagegen, bekundet er abwechselnd gegenüber Sozialisten, Amerika, England und Frankreich.

Preußen wird in jeder Angelegenheit aggressiv verteidigt. Alle Argumente die Bödecker finden kann - und sind sie noch so unpassend - werden verarbeitet. Die Arbeitsweise ist leider nicht wissenschaftlich. Durch fehlende Quellenangaben schwindet die Glaubwürdigkeit der Aussagen. Der Text erhält dadurch eine nur schwache Aussagekraft, die nicht (obwohl es des Autors Absicht war) durch Fakten belegt werden kann. Insgesamt beschreibt das Buch seinen Autor mehr als die Geschichte und wird deshalb wieder lesenswert.

 


[1] Bödecker, Ehrhardt: Preußen eine humane Bilanz. München 2010 S. 12.
[2] Gall, Lothar: Bismarck. Der weiße Revolutionär. Ullstein, Berlin 2002.
[3] Bödecker, Ehrhardt: Preußen eine humane Bilanz. München 2010 S. 84.
[4] Ebd. S. 108.
[5] Ebd. S. 28.
[6] Ebd. S. 106.

 

 

 

 

 

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